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MENSCHENBILD IM WANDEL - Vortrag 24.Nov.2011

In Ergänzung zu diesem Block findet ein öffentlicher Vortrag statt:

Vortragsankündigung

ZUR GRAMMATIK DES SINNS (1)

(1) In dem Blogeintrag “Wir  sind nicht Nichts” wird sichtbar, dass wir allein durch die Tatsache, dass wir aktuell leben,
an einem  Geschehen teilhaben, das dessen Tragweite und Tiefe alles übersteigt, was wir normalerweise denken und
 kommunizieren.

(2) Der mögliche ‘Sinn’ dieses Geschehens, also ein möglicher ‘Zusammenhang’ zwischen all den vielen ‘Aspekten’ dieses
geradezu kosmischen Prozesses, enthüllt sich für uns Menschen –wenn überhaupt– zunächst nur als individuelles Erleben
 und Verstehen, d.h. als Erleben und Verstehen in einem einzelnen Menschen. Dies heisst NICHT, dass das Erleben und
Verstehen eines einzelnen Menschen die ’sinnbegründenden’ Sachverhalte allererst ’schafft’, sondern nur, dass diese
 ’sinnbegründenden’ Sachverhalte in dem Moment des Erkennens in diesem jeweiligen Erkennen ‘bewusst’ werden. ‘Bewusst’
werden kann nur etwas, was schon ‘da’ ist und in seinem Dasein ’so wirksam’ ist, dass es ein ‘Bewusstwerden’ bewirken kann.

(3) Darüberhinaus kann ein Sachverhalt, der eine ‘Bewusstwerdung’ auslösen kann, diese Bewusstwerdung in mehr als einem
einzelnen Menschen zugleich auslösen; ein Sonnenaufgang (oder Untergang) kann von vielen Menschen ‘gleichzeitig’
wahrgenommen werden, wenn Sie sich ‘im Moment des Geschehens’ an einem ‘geeigneten Ort’ befinden.

(4) Schon diese wenigen Gedanken lassem nebenbei erkennen, dass sich Bewusstwerdung bei Menschen mit ‘Körperlichkeit’ paart: unser Erleben setzt eine irgenwie geartete Körperlichkeit voraus, dazu eine ‘Raumstruktur’, und eine ‘Gerichtetheit’ von Ereignissen als
‘Jetzt’ und ‘Vor dem Jetzt’ (’vorher’, ‘vergangen’ als ‘Erinnerbares’).

(5) Aufgrund unserer ‘Lebenserfahrung’ wissen wir,  wie ‘unterschiedlich’ einzelne Menschen das allgemeine Leben trotz
der vielen strukturellen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen erfahren können. Jeder ‘einzelne’ Mensch nimmt in der
Raumstruktur des Erlebens einen charakteristischen individuellen ‘Ort’ ein, von dem aus er die ‘umgebende Welt’ in
einer Weise erfährt, die sich absolut von der ‘Erlebnisspur’ eines anderen Menschen unterscheidet.

(6) Eine ‘individuelle Erlebnisspur’ enthält ‘externe’  und ‘interne’ Anteile: ‘extern’ insofern ‘etwas’ auf das
individuelle Erleben einwirkt, und ‘intern’, insofern diese Einwirkungen ‘Wirkungen hervorrufen’, die den einzelnen
Menschen in seinem ‘Erinnern’ und ‘Fühlen’ prägen.

(7) ‘Im’ Erleben des einzelnen Menschen ‘mischen’ sich die internen und externen Anteile kontinuierlich; je mehr
‘Erfahrung’ jemand hat, umso mehr beeinflussen die ‘vorhandenen’  internen Anteile die aktuell einwirkenden Anteile.
 Dies kann ‘hilfreich’ sein, wenn ‘bisherige Erfahrung’ das ‘aktuell Erlebte’ in ‘geeigneter’ Weise ‘einordnet’; dies
kann ‘hinderlich’ sein wenn die bisherigen Erfahrungen irgendwie ‘verzerrt’ sind und altuelles Erleben ‘falsch’
‘interpretiert’.

(8) Aufgrund unserer ‘Lebenserfahrung’ wissen wir ferner, dass es zwischen dem Erleben verschiedener einzelner Menschen
eine Art ‘Austausch’ durch ‘Kommunikation’ geben kann.

(9) Kommunikation besagt, dass verschiedene Menschen über ein ‘Zeichensystem’ (’Sprache’ L)verfügen, das in der Lage ist, Aspekte des individuellen Erlebens mittels ‘intersubjektivem (= externen) Zeichenmaterial’ so zu ‘repräsentieren’, dass ein individuelles Erleben A bestimmte Erlebnisse von A mit einer ‘Zeichenfolge’ Z so ‘enkodieren’ kann (enkodieren: A –> Z), dass ein anderes individuelles
Erleben B diese Zeichenfolge Z so ‘dekodieren’ kann (dekodieren: Z –> B), dass das Erleben in B eine ‘hinreichende Ähnlichkeit’ mit dem Erleben von A aufweist  SIMILARITY(Z(A),Z(B)).

(10)  Das grösste Problem in der zeichenbasierten (= ’sprachlichen’) Kommunikation ist die Herstellung dieser Ähnlichkeit SIMILARITY() sowie die ’subjektive Vergewisserung’, dass solch eine Ähnlichkeit in ‘hinreichendem Masse vorliegt.

(11) Da kein einzelner Mensch (unter ‘normalen’ Umständen),  in das Erleben eines anderen Menschen ‘direkt hineinschauen’ kann, kann sich kein einzelner Mensch so ohne weiteres ’sicher’ sein, dass der andere Mensch beim Gebrauch eines bestimmten Zeichenmaterials Z  (als Teil einer Sprache L) tatsächlich das ‘Gleiche’ ‘meint’ wie ‘er selbst’.

(12) Zu solch einer ‘Vergewisserung’ der ‘gemeinsamen Ähnlichkeit’ SIMILARITY() bedarf es ‘Formen von Interaktion’,
die ‘unabhängig’ von dem Zeicensystem (von der Sprache L) sind, die aber zugleich  geeignet sind, die ‘Vermutung einer Ähnlichkeit’ zu ‘unterstützen’. Dies berührt das Problem der ‘Entstehung von Sprache’: wie ist es möglich, dass Menschen neues Zeichenmaterial Z als Teil von L so ‘einführen’, dass sie ’sicher’ sein können, dass ‘alle Benutzer von L’ ‘das Gleiche’ ‘meinen’?

(13) Im Falle von ‘externen Ereignissen’, die ‘wiederholbar’ sind und die von allen Beteiligten ‘hinreichend ähnlich wahrgenommen werden können’, erscheint die Einführung einer ‘Verbindung’ von ‘erlebnisauslösendem Ereignis E’, ‘korrespondierendem Erleben Ph’ sowie ‘repräsentierendem Zeichen Z’ ansatzweise ‘nachvollziehbar’. Ein ‘Zeichen’ SYMB wäre dann diese komplexe Beziehung als ganzer, d.h. ein repräsentierendes Zeichen SYMB(E,Z,Ph) ist eine Beziehung zwischen E und Z und Ph, die als diese Beziehung ‘bewusst’ ist und als solche ‘erinnert’ werden kann (diese Überlegungen finden sich u.a. bei den grossen Semiotikern Charles S.Peirce und Charles Morris, aber auch schon bei früheren Philosphen der Scholastik und zumindest auch bei griechischen Philosophen).

(14) Man kann ahnen, dass die Realisierung eines solchen Zeichenbegriffs in der Praxis eine sehr komplexe ‘Maschinerie’ voraussetzt, dier hier vorläufig kein Thema sein soll (hier wären all die schönen Dinge einschlägig, die wir aus den Sprachwissenschaften kennen, der Psychologie, der Ethologie, den Neurowissenschaften, der Phonetik, der Anthropologie, der Automatentheorie usw.).

(15) Nehmen wir also an, dass Menschen in der Lage sind, repräsentierende Zeichen SYMB_i(E,Z,Ph) einzuführen, denen jeweils korrespondierende ‘erinnerbare interne Strukturen’ SYMB_i()_x entsprechen (’SYMB_i()_x’ wäre dann das repräsentierende Symbol i, das von dem Individuum x erinnert werden kann). Dann wäre ein Menschen A in der Lage, internes Erleben Ph, zu dem es ein erinnerbares repräsentierendes Symbol SYMB_i(_,Z,Ph)_A gibt, mittels eines kodierenden Zeichenmaterials Z zu ‘äussern’, und ein anderer Mensch B könnte mittels des Zeichenmaterials Z sein erinnerbares Zeichen SYMB_i(_,Z,Ph)_B ‘erinnern’. Er würde dann ‘annehmen’, dass das bei B durch Z induzierte Erleben Ph dem entspricht, was den A veranlasst hat, Z zu äussern.

(16) Schwieriger –bis unmöglich– wird es, wenn Menschen repräsentierende Zeichen für solches Erleben einführen wollen, dem keine direkten ‘intersubjektiven’ Ereignisse korrespondieren (was aber sehr umfangreich geschieht).

Zwischenergebnis 1:
(i) Individuelles Erleben ist möglich, weil es etwas dem Erleben Externes gibt, was dieses Erleben auslöst
(ii) Sofern die Einführung repräsentierender Zeichen gelingt, können Individuen Teile ihres Erlebens
durch solche Zeichen ‘kommunizieren’

(17) Was immer es an ’sinnrelevanten’ Zusammenhängen in dem für uns relevanten Teil des Kosmos geben mag, werden wir davon nur dann und nur soviel ‘erfahren’, insoweit diese Zusammenhänge unserem individuellen Erleben und unserer symbolischer Kommunikation  zugänglich werden. Sofern wir ein ‘Fehlen’ von Sinn in unserem Erleben und Kommunizieren konstatieren würden, würde dies zunächst nicht besagen, dass es keinen Sinn gibt, sondern nur, dass derjenige, der dieses Fehlen konstatiert, bislang nicht in der Lage war, sein Erleben  entsprechenden ’sinnstiftenden’ Sachverhalten in Berührung zu bringen.

(18) Ergänzend wäre anzumerken, dass der ‘Kontakt’ mit sinnstiftenden Sachverhalten sogar stattgefunden haben kann, dass aber die ‘Art und Weise’, wie dieses Erleben ‘kognitiv verarbeitet’ wurde, nicht in der Lage war, die  ’sinnrelevanten Anteile’ zu ‘erkennen’. Erkennen ist (man lese die entsprechenden Einträge im Blog) kein völlig automatischer immer gleichförmiger Prozess, sondern ein komplexes dynamisches Geschehen, das bei gleicher Wahrnehmungslage zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, je nachdem, ‘wie’ jemand ‘aktiv denkt’.

(19) Eine Feststellung, dass ‘Sinn’ für uns ‘nicht möglich’ sei, ist unter Voraussetzung dieser Erkenntislage für uns prinzipiell nicht möglich. Wir können entweder nur feststellen, dass wir ‘noch nicht’ in der Lage sind, einen Sinn explizit zu benennen oder eben, dass uns bestimmte Sachverhalte als für uns ’sinnvoll’ erscheinen.

(20) Hier wäre jetzt zu klären ob und wieweit wir ‘mögliche sinnvollen Sachverhalte’ konkret, beispielhaft  identifizieren  können.

INTELLIGENZ (1)

(1) In der heutigen Welt erleben wir eine Inflation im Gebrauch der Wörter   ‘Intelligenz’, ‘intelligent’ und ’smart’. Im technischen Bereich sind immer mehr Produkte ’smart’ ohne dass jemand sich auch nur ansatzweise die Mühe macht, diese Sprechweisen zu rechtfertigen; man tut einfach so, als ob dies so sei.

(2) Die Wurzel des Redens über ‘Intelligenz’ ist aber das Erleben von Menschen, die Art und Weise wie wir als Menschen das Verhalten anderer Menschen im Vergleich zur umgebenden Natur erleben. In nicht wenigen Aspekten hebt sich das Verhalten des Menschen dadurch ab, dass wir einem Menschen ‘Absicht’ unterstellen, ‘Erinnerungen’, ‘Denken’, usw. Bestimmte dieser beobachtbaren Eigenschaften  zusammengenommen unterstellen wir, wenn wir von ‘Intelligenz’ sprechen.

(3) In dem Masse, wie wir gelernt haben, das eigene menschliche Verhalten besser zu verstehen und in den Gesamtzusammenhang des biologischen Lebens einordnen zu können, haben wir auch begonnen, verschiedenen anderen Lebensformen (Insekten, Säugetiere, …) zumindest Ansätze solcher Eigenschaften wie ‘Wahrnehmung’, ‘Erinnerung’, ‘Absicht’ usw. zu zusprechen.

(4) Abseits vom Verhalten von Menschen haben wir keine ‘Referenzmuster’ für ‘intelligentes Verhalten’. Wenn wir eine Maschine (Roboter) bauen und von ihr behaupten, sie sei ‘intelligent’ dann gewinnt diese Aussage höchstens Bedeutung durch Bezug auf vergleichbares Verhalten von Menschen; aber ohne diesen Bezug macht es keinen Sinn, von ‘Intelligenz’ zu sprechen. Der Begriff der Intelligenz’ unabhängig vom Menschen hat zunächst keine Bedeutung.

(5) Es ist vor allem die Psychologie, die sich mit dem beobachtbaren Verhalten von Menschen wissenschaftlich auseinandersetzt (im weiteren Sinne auch die allgemeinere biologische Verhaltensforschung (Ethologie)). Die Psychologie hat seit mindestens Sir Francis Galton  (1822 – 1911) und Alfred Binet (1857 – 1911) versucht, das als ‘normal’ anzusehende Verhalten der Mehrheit der Menschen (eines Jahrgangs) zum Massstab  zu nehmen, um damit das Verhalten eines jeden einzelnen ‘Bezogen auf dieses allgemeine Verhalten’ ‘einzuordnen’ (zu ‘messen’).

(6) Natürlich haftet jeder Auswahl von konkreten Verhaltensweisen etwas ‘Willkürliches’ an, dennoch stellt eine ‘Zusammenstellung’ der zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft ‘üblichen Verhaltensweisen’ aber auch mehr dar als nur eine ‘bloss zufällige’ Anordnung.

(7) Seitdem die Psychologen begonnen haben, mit solchen (z.T. schon unterschiedlichen) Zusammenstellungen von Verhaltensweisen (’Testbatterien’) gezielt ‘Messungen’ vorzunehmen hat sich gezeigt, dass die Messergebnisse erstaunliche Konsistenzen aufweisen; ja, es lassen sich Prognosen über ‘Verhaltensweisen und Erfolge in der Zukunft machen’, die weit jenseits des ‘Zufälligen’ sind.

(8) Daraus kann man nicht folgern, dass die gewählten Verhaltensweisen die einzig ‘richtigen’ sind, die mit INTELLIGENZ korrelieren, aber man darf zurecht annehmen, dass die Strukturen, die mittels des beobachtbaren Verhaltens ‘indirekt’ gemessen werden, offensichtlich eine gewisse ‘Konsistenz’ aufweisen, die ‘hinter’ all der beobachtbaren Vielheit ‘am Werke’ ist.

(9) Wenn die Psychologie also von ‘Intelligenz’ spricht, dann bezieht sie sich auf kulturell stark repräsentative Verhaltensweisen, die man ‘messen’ kann und die in ihrer Gesamtheit einen Hinweis liefern, ob ein einzelner Menschen sich so verhält, wie der große ‘Durchschnitt’ (IQ=100) oder aber davon ‘abweicht’; entweder durch ‘geringere’ Leistung (IQ < 100)  oder durch ‘mehr’ Leistung (IQ > 100).

(10) Wichtig ist, dass die verschiedenen benutzten Verhaltenskataloge (Testbatterien) kein direkt beobachtbares  ‘Objekt’ Intelligenz definieren, sondern eher eine Art ‘Umschreibung’ von etwas darstellen, was man nicht direkt sehen, sondern nur indirekt ‘erschließen’ kann. Der psychologische Begriff der Intelligenz ist ein ‘theoretisches Objekt’, also ein ‘Begriff’ (Term), der durch formalen Bezug zu unterschiedlichen Messvorgängen eine ‘operationale’ Bedeutung besitzt. Was letztlich das beobachtbare (messbare) Verhalten erzeugt, ist damit in keiner Weise klar.

(11) In der Psychologie gab es eine Vielzahl von Deutungsansätzen, wie man das ‘hinter dem Verhalten’ liegende ‘Etwas’ denken sollte. Am meisten verbreitet ist jener Ansatz, der zwischen einer ANGEBORENEN und einer ERWORBENEN Struktur unterscheidet: die durch die Erbanlagen weitgehend bestimmte angeborene Struktur definiert eine MASCHINERIE der VERARBEITUNG, deren Qualität sich in der GESCHWINDIGKEIT und FEHLERFREIHEIT zeigt (man spricht hier oft von FLUIDER Intelligenz). Die erworbene Struktur ist jener WISSEN, jene ERFAHRUNG, die sich durch die Anwendung der Maschinerie ERGIBT, so zu sagen das ERGENIS VON VERARBEITUNG (man spricht hier oft von KRISTALLINER Intelligenz). Während die kristalline Intelligenz stark verhaltens- und umweltabhängig ist ist die fluide Intelligenz weitgehend genetisch determiniert.

(12) Ob und wieweit die theoretisch bedingten Spekulationen der Psychologen über die fluide und kristalline Intelligenz zutreffen muss letztlich die Neurowissenschaft, und hier insbesondere die Neuropsychologie, entscheiden. Diese untersuchen die ‘biologische Maschinerie’ des Gehirns und die Wechselwirkung mit dem Beobachtbaren Verhalten. Allerdings sind die Neurowissenschaften auf die Verhaltenstheorien der Psychologen angewiesen. Ohne die fundierten Untersuchungen des Verhaltens hängen die neurologischen Befunde buchstäblich ‘in der Luft’: was nützt die Prozessbeschreibung eines Neurons wenn man nicht weiss, auf welches Verhalten dies zu beziehen ist. Und da es beim Menschen auf komplexe Verhaltensweisen ankommt die das gesamte komplexe Gehirn voraussetzen, ist diese Aufgabe nicht ganz einfach zu lösen (aus theoretischen Überlegungen muss man davon ausgehen, dass wir diese Aufgabe mit den heute verfügbaren Gehirnen nicht vollständig werden lösen können).

(13) Intelligenz messen: der Beginn der empirischen Wissenschaften ging einher mit der Einsicht, dass man auf Dauer nur dann zu ‘objektiven’ Daten kommen kann, wenn man die Messprozeduren auf REFERENZOBJEKTE beziehen kann, die von den subjektiven Zuständen des einzelnen Beobachters UNABHÄNGIG sind. So kam es zur Einführung von Referenzobjekten für die Länge (m), das Gewicht (kg), die Zeit (s) usw. (die im Laufe der Zeit immer wieder durch neue ‘Versionen’ ersetzt wurden; z.B. die Definition der ‘Sekunde’ (s) oder der Länge (m)).

(13.1) Die Psychologen hatten im Fall der ‘Intelligenz’  ‘Referenztestverfahren’ eingeführt, die zwar unabhängig von den Gefühlen der Beteiligten waren, aber  es gab  kein unabhängiges Referenzobjekt INTELLIGENZ. Man erklärte einfach die MEHRHEIT der gerade lebenden Menschen zum STANDARD und verglich die zu ‘messenden Menschen’ so gesehen mit ’sich selbst’. Es war dann nicht wirklich überraschend, dass man im Laufe der Jahrzehnte feststellen musste, dass sich das REFERENZOBJEKT (nämlich die Leistung der ‘Mehrheit’) nachweisbar ‘verschob’. Ein IQ=100 war vor 50 –oder noch mehr– Jahren etwas anderes als heute!
(13.2) Das, was das Referenzobjekt INTELLIGENZ ’stabil’ macht, das ist seine genetische Determiniertheit. Das, was es flexibel/veränderlich macht, das ist die Modifizierbarkeit durch genetische Variabilität und individuelle Lernfähigkeit bzw. die kontinuierliche Veränderung der Umwelt durch den Menschen selbst, die als veränderte sekundäre Welt auf den Menschen zurückwirkt.
(13.3) Bei aller Kritik an den Unzulänglichkeiten der aktuellen Messmethoden sollte man aber festhalten, dass das bisherige Verfahren trotz allem ein Geniestreich war und die Psychologie geradezu revolutioniert hatte.
(13.4) Trotzdem stellt sich die Frage, ob man heute mit neueren Mitteln das Projekt der Erforschung der Intelligenz noch weiterführen könnte?

(14) Für die Psychologen ist es unmöglich, die dem beobachtbaren Verhalten zugrunde liegenden Strukturen ‘als solche’ direkt zu erforschen. Die Neurowissenschaftler können dies ansatzweise, indem sie reale Gehirne untersuchen, aber nur sehr limitiert; sie können nicht mit einem lebenden Gehirn wirklich Experimente machen (nur mit den Gehirnen von Tieren, und dies ist mehr und mehr ethisch äußerst fragwürdig!)

(15) Mit dem Aufkommen der Informatik entwickelten sich nicht nur theoretische Konzepte der BERECHENBARKEIT, sondern mehr und mehr auch eine TECHNOLOGIE, die es erlaubt, Berechnungsprozesse technisch zu realisieren. Dies wiederum ermöglicht die MODELLIERUNG und SIMULATION von nahezu beliebigen Strukturen und Prozessen, auch solchen, die BIOLOGISCHE Systeme modellieren und simulieren, einschließlich des GEHIRNS. Damit ist es prinzipiell möglich, zu jeder VERHALTENSWEISE, die in sogenannten Intelligenztests im Rahmen von TESTAUFGABEN gemessen werden, KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (-STRUKTUREN) (KI := Künstliche Intelligenz, AI := Artificial Intelligence, CI := Computational Intelligence)  zu entwickeln, die in der Lage sind, genau diese Testaufgaben mit einem gewünschten IQ zu lösen. Auf diese Weise würde man eine ganze Kollektion von unterschiedlichen IQ-REFERENZOBJEKTEN erstellen können, die sich nicht mehr verändern und die –so wie das Kilogramm (kg), das Meter (m) oder die Sekunde (s)– dann als WIRKLICHE REFERENZOBJEKTE FÜR INTELLIGENZ dienen könnten. Es wäre dann  möglich, FORMEN VON INTELLIGENZ OBJEKTIV definieren zu können, die VERSCHIEDEN sind von der AKTUELLEN MENSCHLICHEN INTELLIGENZ. Auch könnte man damit den verschiedenen Formen TIERISCHER INTELLIGENZ mehr Rechnung tragen.

Körper - Emergenz - Kognition - Kognitiver Müll

(1) Der Mensch ist durch seinen Körper primär ein animalisches Wesen, ein Körper im Prozess der Körperwerdung als Teil des Biologischen.

(2) Dieser Körper zeigt Eigenschaften, Funktionen, die sich nicht aus den Bestandteilen des Körpers als solchen erklären lassen, sondern nur durch ihr Zusammenwirken (Emergenz) sowohl mit anderen Teilen des Körpers wie auch mit der umgebenden Körperwelt.

(3) Dies bedeutet,dass diese emergenten Eigenschaften und Funktionen eine wirkende Wirklichkeitsebene aufspannen, die als solche kein greifbares Objekt ist sondern nur als Veränderungsprozess (induziert Zeit) aufscheint.

(4) Eine Veränderung (Funktion) als solche ist kein Objekt, aber kann von einem intelligenten Wesen wahrgenommen und als bestimmbare Grösse gespeichert werden.

(5) Als erinnerbare Veränderung kann eine emergente Eigenschaft zu einem kognitiven Objekt in einem einzelnen Körper werden.

(6) Über symbolische Kommunikation kann solch ein kognitives Objekt bedingt kognitiv kopiert und damit verteilt werden.

(7) Die Gesamtheit der kognitiven Objekte (und ihre kommunizierten Kopien) können ein Gesamtbild ergeben von dem, was wir als ‘Welt’ wahrnehmen, erkennen und kommunizieren.

(8) Das biologische System als kognitiver Agent kann einer Vielzahl von körpereigenen Prozessen unterliegen, die die Speicherung und Erinnerung kognitiver Objekte beeinflussen. Das kognitive Objekt hat von daher immer nur eine begrenzte Ähnlichkeit mit denjenigen emergenten Eigenschaften, die zur seiner Entstehung geführt haben (alltagssprachlich: viele Menschen unterliegen psychologischen Einstellungen wie ‘Eitelkeit’, ‘Hochmut’, ‘Arroganz’, ‘Selbstfixierung’, ‘Ängsten’, ‘Minderwertigkeitsgefühlen’, ‘diversen Süchten’ usw., die in ihrer psychischen Kraft andere kognitive Wirkungsfaktoren so überlagern können, dass sie nahezu ‘blind’ werden für das, was wirklich ist. Nach und nach, ohne dass die Betreffenden es  merken, generiert ihre kognitive Maschinerie aufgrund dieser anderen Einflüsse ein ‘Bild von der Welt’, das  zunehmend ‘verzerrt’, ‘falsch’ ist. Die Möglichkeit, diese Verzerrungen ‘aus sich heraus’ zu erkennen sind sehr ungünstig; wenn nicht starke Ereignisse aus der Umgebung diese Systeme aus ihrer negativen Schleife herausreißen (wie?). Die Systeme selbst finden sich ganz ‘toll’, aber die kognitive Welt ‘in ihrem Kopf’ ist nicht die Welt, wie sie sich jenseits ’störender psychologischer Tendenzen’ zeigen kann und zeigt.

(9) Kognitive Agenten, deren Kommunikation stark verzerrenden Faktoren unterliegt und die innerhalb ihrer individuellen kognitiven Prozesse die Transformierung von Körper- und Aussenweltwahrnehmung ebenfalls verzerren, tendieren dazu, ein pathologisches Bild von sich und der umgebenden Welt aufzubauen, was sich immer mehr –und dann auch immer schneller– in einen verzerrten Zustand hineinbewegt, der dann diesem kognitiven Agenten immer weniger ‘hilft’ und immer mehr ’schadet’ (Selbstzerstörung durch verzerrtes Wahrnehmen und Denken).

(10) Aus diesem Blickwinkel erscheint die sogenannte moderne Informationsgesellschaft nicht nur als rein positiver Raum sondern auch potentiell sehr gefährlich, da die Verbreitung von verzerrten kognitiven Objekten leicht ist und die kommerzielle Nutzung von von verzerrten kognitiven Objekten  in der Regel einfacher und gewinnbringender ist als umgekehrt. Daraus würde folgen, dass überwiegend ‘geldorientierte’ Informationsgesellschaften sich im Laufe der Zeit selbst kognitiv so ‘zumüllen’, dass die wenigen nichtverzerrten kognitiven Objekte immer weniger auffindbar sein werden. Es entsteht ein Raum mit kognitiven Objekte, der als solcher verzerrt ist,  korrespondierend sind aber auch  alle kognitiven Räume in den Körpern der kognitiven Agenten selbst ‘verzerrt’. Dieser gesellschaftlich organisierten Dunkelheit zu entkommen ist für ein einzelnes kognitives System schwer bis unmöglich. Wohin immer es seine individuelle Wahrnehmung lenken will, es wird dann fast nur noch verzerrte kognitive Objekte vorfinden. Die Produktion von ‘Müll’ ist halt so unendlich viel einfacher; man muss sich um nichts kümmern und man denkt und redet einfach so drauflos…..es ist doch sowieso egal…..(sagt sich die ‘Ethik des (kognitiven) Mülls’). In einer ‘verzerrten Infomationsgesellschaft’ fühlt sich keiner schuldig, aber alle produzieren faktisch den Müll mit, der sich in der Verzerrung selbst legitimiert.

Religion, Erfahrung, Deutung

Religion, Erfahrung, Deutung

(1) Ich werde oft gefragt, wie ich den Beitrag der Religionen zum Erkenntnisprozess sehe, da ich immerhin gut 22 Jahre lang als engagiertes Mitglied einer religiösen katholischen Lebensgemeinschaft gelebt habe. Diese Frage kann vermutlich kein einziger Mensch in vollem Umfang beantworten, da alle großen bekannten Religionen (z.B. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) primär von einem bestimmten Erfahrungs- und Deutungshintergrund her zu verstehen sind und kein Mensch kann in seinem einzelnen Leben den ganzen Umfang und die Tiefe einer einzigen religiösen Tradition vollständig erfassen, geschweige denn mehr als eine oder gar alle.

(2) Wenn es also heute schon unmöglich ist, dass ein einzelner Mensch über eine dieser großen Religionen (und es gibt ja noch viele andere Erscheinungsformen) erschöpfend und autoritativ reden kann, dann folgt daraus umso mehr, dass das Reden über die ‘anderen’ religiösen Traditionen vom Ansatz her ‘respektvoll’ sein sollte. Denn die Gefahr, dass man der anderen religiösen Tradition aus schlichter Unwissenheit Unrecht tut, ist sehr groß, nahezu unvermeidlich.

(3) Diese ‘prinzipielle Fremdheit’  gilt auch für allerlei wissenschaftliche Annäherungen, selbst  für sogenannte (vergleichende) Religionswissenschaftler, da ein Wissenschaftler  per se als ‘Wissenschaftler’ normalerweise nicht selbst religiöse ‘Anhänger’ sein darf und schon von daher nur einen sehr distanzierten, gefilterten Zugang zum Phänomen hat. Genau das, was für eine ‘volle gelebte’ Zugehörigkeit zu einer Religion im Verständnis vieler Anhänger ’substantiell’ ist, nämlich die direkte persönliche existentielle (und daher primär subjektive) erfahrungsbezogene Verbundenheit zu einem ‘Glauben’ ist das, was sich einer objektivierenden Wissenschaft grundsätzlich entzieht. Dies gehört zur Definition neuzeitlicher Wissenschaft. Und das ‘Schließen’ von ‘empirisch beobachtbaren Tatbeständen’ (z.B. beobachtbarem Verhalten) auf ‘innere’ Strukturen und Motive’ des Verhaltens ist sehr problematisch. Dies zeigen viele prominente Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte (z.B. das Problem des psychologischen Behaviorismus bei dem Versuch, das Phänomen der menschlichen Sprache zufriedenstellend erklären zu können oder das Problem der Neurobiologie die subjektiven Erlebniszustände methodisch befriedigend mit sowohl beobachtbarem Verhalten wie auch subjektiv erlebbaren Zuständen zu korrelieren).

(4) Gilt diese ‘prinzipielle (methodische) Fremdheit’ vor allem für das ‘Außenverhältnis’ eines Menschen, der von ‘außen’ eine bestimmte religiöse Tradition und zugehöriger ‘Anhänger’ betrachten will, so gilt dies sogar –in unterschiedlichem Grad– für die Anhänger einer bestimmten religiösen Tradition selbst. Denn, wenn jemand z.B. im Jahr 2010 sagt, er sei ein ‘Christ’, dann konnotiert damit eine Geschichte von ca. 2000 Jahren mit einer einschlägigen Vorgeschichte von weiteren ca. 1000 oder 1500 Jahren und all den damit  verflochtenen kulturellen Tatbeständen. Allein die dokumentierten Zeugnisse aus diesem Zeitraum, die Teil dieser Tradition sind, umfasst unzählige schriftliche Dokumente und nichtschriftliche Artefakte, ganz zu schweigen von der gelebten Erfahrung, die nie oder nur partiell einen dokumentierten Niederschlag gefunden hat und nur in der gelebten Weitergabe existiert mit allen denkbaren Verformungen und auch Überlieferungsabbrüchen, die hier unvermeidlich sind.

(5) Würde eine ‘geschichtlich wirksame’ Religion sich nicht von reproduzierbaren Erfahrungen her immer wieder neu ‘justieren’, ‘ausrichten’, ‘orientieren’ können, sie wäre zwangsläufig nach ein paar Generationen entweder ausgelöscht oder zu formalen Ritualen erstarrt, denen jegliche ‘Personalität’, jegliche ‘Geistigkeit’  fehlt. Kann man diese reproduzierenden religionsermöglichenden Tatbestände aufweisen, dann kann jede Generation von neuem daran Orientierung und Ausrichtung suchen, die ins konkrete praktische Leben eingreifen können.

(6) Nach meinem Verständnis haben Religionen wie Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam hier eine strukturelle Gemeinsamkeit: (i) sie berufen sich alle auf bestimmte, historisch qualifizierte Texte, die (ii) auf je spezifische Weise Erfahrungen von Menschen zur Sprache bringen sollen. Ferner gehört zu diesen Erfahrungen bestimmter Menschen (die sogenannten ‘Gründer’), dass sich schon zu Lebzeiten des Gründers ‘Gefährten’, ‘Schüler’, ‘Anhänger’ gefunden haben, die das erfahrungsbasierte Weltverständnis des Gründers ‘auf ihre Weise’ ‘übernommen’ und ‘weitergelebt’ haben. Aufbauend auf diesen ersten Anhängern hat sich dann (iii) in der Regel eine ‘gelebte Tradition’ herausgebildet, die für sich in Anspruch nimmt, den ‘Geist des Gründers’ so gut ‘verstanden zu haben’, dass sie in der Lage und berechtigt waren (sind), den sprachlichen Niederschlag dieser Erfahrungen eigenständig und autoritativ zu ‘bewerten’. Mit zunehmendem historischen Abstand wurde dann aber (iv) unterschieden zwischen bestimmten ‘heiligen (kanonischen)’ Schriften, die als solche nicht mehr weiter verändert werden dürfen und solchen, die ’sekundär’ sind (was nicht heißt, dass sie in der religiösen Tradition eine fundamentale Rolle spielen können).

(7) Der entscheidende Punkt ist, dass die religiösen Traditionen ‘erfahrungsbasiert’ sind und alle Texte letztlich zu dem Punkt führen, dass bestimmte Menschen angeführt werden, die zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten bestimmte Dinge ‘erlebt’ und ‘im Lichte dieses Erlebens’  ‘erkannt’ haben. Ein klassisches Beispiel aus dem Bereich des Christentums ist die Person des Saulus/Paulus. Zunächst ein überzeugter jüdischer Gelehrter verfolgte er die neu sich formierenden ‘christlichen’ Anhänger. Durch ein ‘persönliches Erlebnis’ lange nach dem Tod Jesu kommt er zu einer persönlichen ‘Neuinterpretation’ seiner bisherigen Anschauungen und im Laufe von mehr als sieben Jahren ändert er seine Ansichten, ändert sein konkretes Leben und tritt plötzlich als ‘Anhänger des christlichen Glaubens’ auf. Zwar weisen viele seiner christlichen Interpretationen mehr oder weniger auch Elemente seiner jüdischen Tradition auf, aber in der Haupttendenz sieht er die ‘Welt’ und die ‘Geschichte’ nun in einem ‘neuen Licht’. Viele andere tausende dokumentierte Beispiele laufen scheinbar nach dem gleichen Muster. Die dem Paulus zugeschriebenen Texte fanden Eingang in den christlichen Kanon der ‘heiligen Schriften’ obgleich er selber weder Jesus persönlich gekannt hatte noch bzgl. seines persönlichen ‘Bekehrungserlebnisses’ von jemandem ‘belehrt’ worden ist. Interessant ist, dass die sich ausbildende  ‘Amtsstruktur’ in der katholischen Kirche solche ‘erfahrungsbasierten’ Autorisierungen sehr bald ausgeschlossen hat. Die Offenbarung wurde mit dem Tod Jesu als ‘abgeschlossen’ erklärt obgleich das Beispiel Saulus/Paulus (und nicht nur  er) dokumentiert, dass dies nicht der Fall ist.

(8) Nach meinem Kennntisstand spricht vieles dafür, dass die ‘Erfahrungsdimension’, die im Christentum (aber anscheinend auch in den anderen religiösen Traditionen) in all den ‘Überlieferungen’ ‘durchschimmert’ zu jeder Zeit für jeden  Menschen grundsätzlich ‘zugänglich’ bleibt. Diese Erfahrungsdimension scheint ein Teil unserer menschlichen Existenzform zu sein. Allem Anschein nach ist sie nicht an die historisch gewachsenen Überlieferungsstrukturen und den konkreten Gegebenheiten religiöser Gemeinschaften gebunden. Konkrete religiöse Gemeinschaften können dem einzelnen zwar u.U. helfen, sich bestimmten Erfahrungsdimensionen des menschlichen Lebens zuzuwenden bzw. zu ‘lernen’, wie eine solche Zuwendung und eine erfahrungsbasierte Lebensführung aussehen könnte/ sollte, aber keine religiöse Tradition kann von sich aus garantieren oder erzwingen, dass ein einzelner bestimmte Erfahrungen tatsächlich macht. Umgekehrt gilt, dass bestimmte religiöse Traditionen oder Gemeinschaften für einzelne auch reale Hindernisse sein können, genau die wichtigen religiösen Erfahrungen zu machen. Es scheint so zu sein, dass das, was in religiösen Erfahrungen ‘aufscheint’ etwas ist, das keinem einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen gehört; keine religiöse Gemeinschaft hat letztlich die ‘Kontrolle’ über das, was sie zu ‘verwalten’ sucht. Das wäre ein Widerspruch in sich. In dem Moment, wo eine menschliche Gruppierung für sich in Anspruch nehmen würde, ‘das in der religiösen Erfahrung Aufscheinende’ (oft das ‘Göttliche’ genannt bzw. ‘Stimme Gottes’ bzw. ‘Gott’) vollständig zu kontrollieren, müsste man sich fragen, was das für ein ‘Göttliches’ ist, das da von Menschen vollständig kontrolliert wird.

(9) Es gibt in der historischen Rückblende immer wieder die Tendenz zu beobachten, dass religiöse Gemeinschaften –oder bestimmte Führungspersonen in diesen– sich einen ‘exklusiven Zugang’ zu dem ‘in der religiösen Erfahrung Aufscheinendem’ –wie auch immer gearteten– ‘Göttlichem’ zu ’sichern’, doch dürfte dies generell eher ein Anzeichen dafür sein, dass damit die Beziehung zum Erfahrungsinhalt gerade ins Gegenteil verkehrt wird. ‘Das in der religiösen Erfahrung sich Zeigende’ gehört prinzipiell niemandem und kann von daher auch grundsätzlich nicht von einem Menschen ‘kontrolliert’ werden (was nicht ausschliesst, dass ‘Führungspersönlichkeiten’ innerhalb bestimmter Gemeinschaften eine gewisse praktische Bedeutung besitzen können). Machtstrukturen stehen aber prinzipiell im Gegensatz zu der Struktur ‘religiöser Nachfolge’, wie sie sich aus der gelebten religiösen Erfahrung her begründet. So, wie die religiöse Erfahrung offensichtlich dazu da ist, prinzipiell allen Menschen eine zusätzliche Orientierung zu ermöglichen, die mit einer individuellen Öffnung für ‘das Ganze’ einhergeht, so scheint eine erfahrungsbasierte religiöse Lebensorientierung darauf ausgerichtet zu sein, Leben  durch den eigenen persönlichen Beitrag zu ermöglichen, aber nicht Leben zu kontrollieren mit gleichzeitiger  persönlicher ‘Herausnahme’.

(10) Eine erfahrungsbasierte Lebensführung ist aufgrund der Struktur menschlicher Bewusstheit/ Geistigkeit grundsätzlich eingebettet in unterschiedliche Wissensstrukturen. Insofern kann es niemals ‘reine Inhalte’ geben. Selbst eine direkte Erfahrung des wie auch immer gearteten Göttlichen ist –obgleich in ihrer Besonderheit sicher unmittelbar identifizierbar– dennoch immer ‘vermittelt’ durch das bis dahin verfügbare Wissen. Es ist daher nicht verwunderlich , dass das Beispiel vieler bekanntgewordener ‘Erfahrener’ zeigt, dass es viele Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte braucht, um die erlebten Zustände mit den verfügbaren Wissenstatsbeständen in ein ‘konstruktives’ Verhältnis zu bringen. Dass dabei sichtbar wird, dass keine menschliche Person vollständig von den historischen Kontexten abstrahieren kann, überrascht nicht wirklich, ist auch kein Argument ‘gegen’ die kommunizierte Erfahrung. Sie zeigt nur, dass ‘das, was das Innere der Welt zusammenhält’ sich nicht durch einen einzelnen Menschen allein, auch nicht durch eine ganze Generation alleine, sondern vermutlich nur durch den gesamten Prozess der Lebenwerdung auf der Erde/ im Universum  umrisshaft, mehr und mehr ‘enthüllt’, ohne dass wir sicher sein können, dass es irgendwann einmal unter den Umständen der biologischen Lebensformen vollständig transparent sein kann. Trotz dieser wesentlichen Einschränkung kann das, was bislang sichtbar geworden ist, einen wesentlichen Beitrag zur Orientierung über das leisten, was ‘Leben’ in dieser ‘Welt’ bedeuten kann. ‘Selbsternannte’ Götter in Menschengestalt sind das sicherste Zeichen, dass sie es nicht sind. Das ‘Göttliche’ ist prinzipiell mehr als alle Menschen zusammengenommen und ein ‘Prophet’ ist ein ‘Werkzeug unter vielen’, das uns anregen kann. Niemandem bleibt es erspart, hier seinen eigenen Weg zu gehen, um durch sein konkretes Leben seinen persönlichen Beitrag zu leisten. Die selbsternannten Führer können keine Entschuldigung dafür sein, seine eigene Verantwortung nicht selbst in die Hand genommen zu haben.

DENKMASCHINERIE (4)

(1) Es gibt unterschiedliche Perspektiven, wie man das, was wir als ‘Denken’ bezeichnen, betrachten kann. Je nachdem, welche dieser Perspektiven wir wählen, ergibt sich ein ganz unterschiedliches Bild von diesem ‘Denken’.

(2) Neben dem ALLTAGSDENKEN gibt es seit ein paar hundert Jahren auch das sogenannten WISSENSCHAFTLICHE DENKEN. Das wissenschaftliche Denken setzt das alltägliche Denken gewissermaßen als primären Bezugspunkt voraus, hebt sich aber dennoch von ihm ab und widerspricht ihm letztlich in vielen Punkten. Dies liegt daran, dass das ALLTAGSDENKEN eine Reihe von ANNAHMEN macht, die FALSCH sind, aber im Alltag meistens sehr NÜTZLICH. So atemberaubend die Leistungen des wissenschaftlichen Denkens auch sind, es ist eine limitierte, eingeschränkte Form des Denkens, die nicht nur das ALLTAGSDENKEN voraussetzt sondern –aus philosophischer, erkenntnistheoretischer Sicht– auch das  PHÄNOMENOLOGISCHE DENKEN. Letzteres kann man nur angenähert beschreiben als eine Struktur, die die INNENSICHT des subjektiven Erlebens mit Hilfe von alltagssprachlich und wissenschaflich eingeführten sprachlichen Konstrukten näherungsweise beschreibt.

(3) Allen drei Formen ALLTAGSDENKEN, WISSENSCHAFTSDENKEN sowie PHÄNOMENOLOGISCHEM DENKEN ist gemeinsam, dass sie das Denken zeigen, wie es sich  AUSWIRKT. Wie erscheinen Menschen, wenn sie denken im Alltag? Wie sieht es aus, wenn DENKENDE Menschen Experimnte machen, Modelle konstruieren und überprüfen? Welche Erlebnisse hat jemand, der DENKT? In all diesen Perspektiven ist DAS, WAS DAS DENKEN ERMÖGLICHT, NICHT im Blick. Wir können zwar ERLEBEN, dass wir uns ERINNERN können, die einzelnen Vorgänge beim Erinnern selbst können wir aber nicht ’sehen’. Wir erleben, dass wir VERALLGEMEINERN können, wir können ABSTRAHIEREN, es passiert ‘AUTOMATISCH’, aber wir können nicht ’sehen’, wie dies im einzelnen funktioniert. usw. Diejenige MASCHINERIE, die unser Erleben, Wahrnehmen, Denken ERMÖGLICHT, ist uns innerhalb des BEWUSSTEN DENKENS VERBORGEN.

(4) Die PHILOSOPHEN haben sich darüber immer wieder Gedanken gemacht; sie nannten das dann manchmal ERKENNTNISTHEORIE. Einer der beeindruckendste und bis heute noch immer aktuelle Beitrag ist sicher die ‘Kritik der reinen Vernunft’ von Immanuel Kant (2.Aufl. 1787) (ohne damit andere schmälern zu wollen). Wie kaum ein anderer hat er die Frage nach den BEDINGUNGEN des eigenen Erkennens gestellt und mit seiner TRANSZENDENTALEN ANALYTIK u.a. herausgearbeitet, dass in der ART UND WEISE, wie wir WAHRNEHMEN die Struktur von RAUM UND ZEIT von vornherein (a priori) ‘eingebaut’ ist. Bücher wie die von  Konrad Lorenz 1977 ‘Die Rückseite des Spiegels’ oder 1982 das Buch ‘Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit’ (zuvor schon  1972 (mit Varela) das Buch  ‘De máquinas y seres vivos’)  von Maturana sind zwar nicht die ersten, die die biologischen Grundlagen unseres Denkens thematisieren, aber diese Publikationen markieren eine Wende im Denken über das Denken. Die rasante Entwicklung der Neurowissenschaften hat dann ihr Übriges dazu beigetragen, die Frage nach der MASCHINERIE ‘in unserem Kopf’, die unser Denken ermöglicht, weiter zu beleuchten.

(5) Heute erscheint es jedenfalls gesichert, dass alles, was wir WAHRNEHMEN, ERINNERN, FÜHLEN, DENKEN usw. darauf basiert, dass wir ein NERVENSYSTEM (GEHIRN) besitzen, das innerhalb unseres Körpers in der Lage ist, SPEZIFISCHE SPANNUNGSZUSTÄNDE (ERREGUNGSZUSTÄNDE)  zu repräsentieren, zu modulieren, und weiter zu leiten, und dies in einer Massivität, Parallelität und letztlich Komplexität, die alles übersteigt, was wir sonst so in der Natur kennen.

(6) Die Kenntnisse über Details dieser Maschinerie und über den einen oder anderen ‘funktionalen’ Zusammenhang sind recht weit fortgeschritten. Allerdings liegen mehr als die Hälfte der biologischen Substanz des Gehirns (z.B. die genaue Funktion der Astrozyten) noch bis heute im tiefsten Dunkel. Ferner ist es bislang fast unmöglich, die PARALLELITÄT zwischen BEWUSSTEM ERKENNEN und UNTERSTELLTER MASCHINERIE klar und ausführlich zu erforschen (Neuropsychologie), da gerade das BEWUSSTE DENKEN sich einer direkten eindeutigen Beschreibung bislang entzieht. Es gibt eine Fülle von Einzelhypothesen, aber keinerlei Struktur, die den Namen MODELL oder gar THEORIE wirklich verdient. Neurobiologen wissen meist sehr viel über biochemische Details von Nervenzellen oder deren Komponenten, aber kaum etwas über größere Zusammenhänge, geschweige denn etwas darüber, was eine THEORIE DES GEHIRNS sein könnte.

(7) Es ist schwer abschätzbar, wie lange die Wissenschaft (und die Philosophie?) brauchen wird, eine (empirische) THEORIE DES GEHIRNS als Teil des Körpers auszuarbeiten. Zum VERSTEHEN unserer spezifisch MENSCHLICHEN BEWUSSTHEIT, unserer MENSCHLICHEN GEISTIGKEIT, unseres MENSCHLICHEN DENKENS wird diese Theorie allerdings nur dann etwas beitragen können, wenn es neben der  Theorie des biologischen Gehirns TH_NN eine entsprechend ausgearbeitete Theorie des bewussten menschlichen Denkens Th_Consc gibt, so dass sich die ERLEBBAREN Eigenschaften des Denkens mit den MESSBAREN Eigenschaften des neuronalen Systems KORRELIEREN bzw. AUFEINANDER ABBILDEN lassen. D.h. wir brauchen letztlich eine METATHEORIE des Denkens Th_NNCons in der ÜBER die beiden anderen Theorien Th_NN und Th-Consc GESPROCHEN werden kann und in der die WECHSELWIRKUNG zwischen dem BEWUSSTEN und dem NEURONALEN explizit herausgearbeitet wird. Dabei vermute ich, dass die Theorie des BEWUSSTEN DENKENS Th_Consc eine PHÄNOMENOLOGISCHE Theorie sein muss.

(8) Aktuell besitzen wir nach meiner Einschätzung nur FRAGMENTE einer möglichen biologischen Theorie der neuronalen Strukturen Th_NN und ebenfalls bestenfalls nur FRAGMENTE einer phänomenologischen Theorie. Ich sehe nicht, dass zur Zeit  irgendjemand die  NOTWENDIGKEIT einer wirklichen THEORIE weder für Th_NN noch für Th_Consc sieht, geschweige denn für eine INTEGRIERENDE METATHEORIE der beiden.

(9) Für die Beschreibung der neuronalen Maschinerie sehe ich grundsätzlich zwei Strategien: (i) Eine möglichst ‘getreue’ Abbildung der biologischen Strukturen oder (ii) eine Modellierung, die versucht, die ‘Prinzipien’ herauszuarbeiten. Strategie (i) entspricht einer EMPIRISCH BIOLOGISCHEN Theoriebildung im ‘vollen Sinne’. Strategie (ii) verkörpert eher den INGENIEURMÄSSIGEN Zugang. Zwischen einer ‘radikalen’ Form von Strategie (i) und (ii) gibt es ein Kontinuum von Varianten, die letztlich ineinander übergehen. Wo genau der Bezug zum ‘Biologischen’ aufhört und das ‘rein technische’ Konstrukt  anfängt ist kaum klar definierbar. Wie auch immer man den ‘Einstieg’ in eine der beiden Strategien wählt, jede Strategie, die funktioniert, wird uns wertvolle Erkenntnisse liefern und auf unterschiedliche Weise helfen, praktische Probleme zu lösen. Für konkrete ‘Therapien’ wird eine stärker nach (i) gerichtete Strategie Unterstützung bieten können; für ingenieurmässige Lösungen, in denen ‘künstliche Gehirne’ dem Menschen helfen sollen, wird eine Strategie (ii) erfolgversprechender sein. Eine klare Antwort wird momentan wohl niemand geben können.

PHÄNOMENOLOGISCHES DENKEN (3)

(1) Es gibt unterschiedliche Perspektiven, wie man das, was wir als ‘Denken’ bezeichnen, betrachten kann. Je nachdem, welche dieser Perspektiven wir wählen, ergibt sich ein ganz unterschiedliches Bild von diesem ‘Denken’.

(2) Neben dem ALLTAGSDENKEN gibt es seit ein paar hundert Jahren auch das sogenannten WISSENSCHAFTLICHE DENKEN. Das wissenschaftliche Denken setzt das alltägliche Denken gewissermaßen als primären Bezugspunkt voraus, hebt sich aber dennoch von ihm ab und widerspricht ihm letztlich in vielen Punkten. Dies liegt daran, dass das ALLTAGSDENKEN eine Reihe von ANNAHMEN macht, die FALSCH sind, aber im Alltag meistens sehr NÜTZLICH. So atemberaubend die Leistungen des wissenschaftlichen Denkens auch sind, es ist eine limitierte, eingeschränkte Form des Denkens, die nicht nur das ALLTAGSDENKEN voraussetzt sondern –aus philosophischer, erkenntnistheoretischer Sicht– auch das  PHÄNOMENOLOGISCHE DENKEN.

(3) Im PHÄNOMENOLOGISCHEN Denken macht man sich die Tatsache zunutze, dass die primäre, erste, nicht weiter hintergehbare WURZEL UNSERES WISSENS das ERLEBEN VON ETWAS ist. Was immer wir ‘inhaltlich’ auch zu erkennen glauben, zunächst einmal müssen wir ÜBERHAUPT ETWAS erkennen, anhand dessen unser ‘UNS SELBST BEWUSST SEIN’ ‘aufleuchten’ kann. Insofern geht es hier um unsere INHALTSVERMITTTELTE BEWUSSTHEIT (neuropsychologisches und meditationsorientiertes Denken unterscheidet gerne noch andere Formen von BEWUSSTSEIN, die an dieser Stelle keine Rolle spielen).

(4) Im Bereich dieses ERLEBENS VON ETWAS sind ALLE ERLEBNISSE zunächst einmal GLEICH: Weder sind sie unterschieden nach ihrer HERKUNFT noch nach irgendwelchen anderen EINTEILUNGSKRITERIEN wie z.B. ‘konkret’, ‘abstrakt’, ‘empirisch’, ‘intersubjektiv’, ’subjektiv’ usw. Hier gibt es nur ERLEBTES. Ein ‘ERLEBTES’ nenne ich hier PHÄNOMEN (das alt-griechische Verb ‘phaino’ spricht davon, dass etwas ‘erscheint’, ‘ans Licht kommt’; im ERLEBEN ‘ERSCHEINT ETWAS’). Man könnte diese primäre Einstellung technisch einfach LEVEL 0 nennen.

(5) Fakt ist, dass man im Bereich des primären ERLEBENS zwischen den einzelnen PHÄNOMENEN UNTERSCHEIDEN kann. Dies ist möglich, da die verschiedenen Phänomene AN SICH bzw. IN SICH (inhärent) EIGENSCHAFTEN (Qualia) aufweisen, anhand deren sie sich voneinander ABHEBEN. Diese Eigenschaften muss das Denken nicht erfinden sondern FINDET SIE VOR; sie SIND DA. In dem Moment, wo man diese ZUSÄTZLICHEN INFORMATIONEN der PHÄNOMENE BERÜCKSICHTIGT verlässt man LEVEL 0 und beginnt sich auf LEVEL 1.

(6) Es ist nicht von vornherein klar, welche SYSTEMATIK die ‘beste’ ist, um diese Fülle an Eigenschaften zu ’strukturieren’. Viele große Philosophen haben sich an dieser Aufgabe versucht. Jeder hat sein eigenes Konzept ausprobiert. Das grundlegende Problem an dieser Stelle der Erklärung ist, dass ich als SCHREIBER mit einem potentiellen LESER nur mittels einer SPRACHE –in diesem Fall deutsche Schriftsprache– kommunizieren kann. Und, wie schon der Abschnitt über das ALLTAGSDENKEN deutlich gemacht hat, kann ich mich mit einem ANDEREN nur in dem Maße über die BEDEUTUNG eines AUSDRUCKS verständigen, wenn diese MITZUTEILENDE BEDEUTUNG sich auf etwas BEZIEHT, das SCHREIBER und LESER GEMEINSAM TEILEN. Im ALLTAGSDENKEN ist das die als gemeinsam unterstellte EXTERNE WELT, mittels der wir unsere BEDEUTUNGEN ABSTIMMEN (Kalibrieren) können. IM FALLE VON SUBJEKTIVEN GEGEBENHEITEN –wie hier im Falle der PHÄNOMENE– ist dies zunächst einmal NICHT so! Angenommen, die PHÄNOMENE wären REIN SUBJEKTIV, dann hätten wir keine Chance, eine SPRACHE einzuführen, die es verschiedenen INHABERN EINES PHÄNOMEN-BEWUSSTSEINS erlauben würde, MITEINANDER DARÜBER zu sprechen. Daraus folgt, dass eine REINE PHÄNOMENOLOGIE, also eine ANALYSE DER PHÄNOMENE NACH DENEN IHNEN INHÄRENTEN EIGENSCHAFTEN, OHNE eine GEEIGNETE SPRACHE UNMÖGLICH ist.

(7) Um also den unbezweifelbar vorhandenen RAUM DER PHÄNOMENE (Level 0 + Level 1) für das VERSTEHEN UNSERES DENKENS nutzbar zu machen, muss man klären, wie wir ÜBERHAUPT DARÜBER SPRECHEN können, ohne in Beliebigkeit oder abgründigen Vagheiten abzugleiten.

(8) Am Beispiel des ALLTAGSDENKENS wurde als GRUNDLEGENDE STRATEGIE der BEDEUTUNGSSICHERUNG sichtbar, dass die potentiellen Kommunikationsteilnehmer von dem ausgehen müssen, was SIE GEMEINSAM haben. Bezogen auf das Gemeinsame kann man dann Begriffe einführen, deren BEDEUTUNG durch dieses GEMEINSAME ‘gedeckt’ (referenziert) wird. Im Bereich des alltäglichen und wissenschaftlichen Denkens gilt das MESSEN als eine der ‘härtesten’ Formen von GEMEINSAM FIXIERTER BEDEUTUNG. Bei näherer Betrachtung gilt aber, dass die am Messen BETEILIGTE PERSONEN nicht den MESSVORGANG ‘als solchen’ wahrnehmen, sondern nur die SUBJEKTIVEN ERLEBNISSE, die dieser Messvorgang IN JEDEM EINZELNEN VERURSACHT/ ERZEUGT! Dies bedeutet, aus der Perspektive des PHÄNOMENRAUMES gibt es solche Phänomene Ph_Pers, die wir GELERNT haben als REPRÄSENTANTEN von ANDEREN PERSONEN zu VERSTEHEN und solche Phänomene Ph_Meas, die wir als REPRÄSENTANTEN VON MESSVORGÄNGEN AUFFASSEN. Im ‘Alltagsmodus’ sprechen wir verkürzend von ‘den Anderen’ oder ‘dem Messen’. ‘Nah’ betrachtet, aus der Perspektive des TATSÄCHLICHEN Erlebens, haben wir bestimmte ERLEBNISSE (PHÄNOMENE), mit unterscheidenden PHÄNOMEN-EIGENSCHAFTEN, anhand deren wir diese Unterscheidungen vornehmen.

(9) An diesem winzigen Beispiel wird ferner deutlich, dass das REDEN ÜBER PHÄNOMENE nicht nur ein Problem der VERFÜGBAREN SPRACHE ist, sondern offensichtlich auch an den ANDAUERNDEN ERLEBNISSTROM gebunden ist, der sich KONTINUIERLICH VERÄNDERT, und der EINGEBETTET ist in etwas, das wir IMPLIZITES LERNEN nennen. Dies bedeutet, es ist nicht nur so, dass wir PHÄNOMENE erleben, WIE SIE SIND, sondern gleichzeitig mit dem ERLEBNISSTROM können wir ERINNERN, und zwar in ‘verdichteten’ Formen wie ABSTRAHIERENDEN BEGRIFFEN, in denen verschiedene EINZELN ERLEBBARE Phänomene in einem ABSTRAKTEN BEGRIFF (KONZEPT) ‘zusammengefasst’ werden. So sehen wir KONKRETE Objekte, die wir ALLE mit dem einen Wort ‘STUHL’ BEZEICHNEN, obgleich jedes einzelne konkrete Erlebnis sich von dem anderen anhand aufzeigbarer Eigenschaften UNTERSCHEIDET. Das WORT ‘STUHL’ bezieht sich offensichtlich auf EIGENSCHAFTEN, die in allen diesen einzelnen ‘Stuhl-Erlebnissen’ irgendwie VORKOMMEN, OHNE aber zugleich ‘zu sagen’, wie noch ANDERE konkrete ‘Stuhl’-Ereignisse aussehen könnten.

(10) Aus diesen Beobachtungen legt sich der Schluss nahe, dass das Konzept des PHÄNOMENOLOGISCHEN DENKENS eher NICHT das ALLERERSTE ist, was wir erkennen können, sondern dass es sich hier um ein ABGELEITETES, THEORETISCHES Konzept handelt, das sowohl einen LÄNGEREN ERLEBNISSTROM voraussetzt wie auch eine HINREICHEND ENTWICKELTE SPRACHE. Dies deutet darauf hin, dass PHÄNOMENOLOGIE so etwas ist wie eine PHILOSOPHISCHE THEORIE — auf den ersten Blick eigentlich ein Widerspruch in sich, da PHILOSOPHIE traditionellerweise verstanden wird als letzte Reflexionsinstanz, die alles und jedes ‘hinterfragt’; eine THEORIE ist aber der Versuch einer SYSTEMATISCHEN STRUKTURBILDUNG. Doch im nächsten Moment macht es doch Sinn: um die STRUKTUR des RAUMS DER PHÄNOMENE darstellen zu können muss in PHILOSOPHISCHER MANIER über die Frage des GEGEBENSEINS von ETWAS reflektiert werden. Und in dem Masse, wie die Fragen ANTWORTEN ermöglichen, kann eine SYSTEMATISCHE STRUKTURBILDUNG im Stile einer THEORIE stattfinden.

(11) Wenn es nun so zu sein scheint, dass die PHÄNOMENOLOGIE an den KONTINUIERLICHEN ERLEBNISSTROM gebunden ist, der IN SICH ‘typische’ VERÄNDERUNGEN aufweist, die wiederum durch ERLEBBARE EIGENSCHAFTEN und darin IMPLIZIT SICHTBAR WERDENDEN STRUKTUREN charakterisiert sind, sowie an eine dazu BEGLEITEND SICH ENTWICKELNDE SPRACHE, dann muss eine systematisierende PHÄNOMENOLOGISCHE THEORIE in den VERSCHIEDENEN PHASEN eines ERLEBNISSTROMES UNTERSCHIEDLICH aussehen! Der PHÄNOMENOLOGISCHE RAUM eines einjährigen Menschen KANN NICHT der GLEICHE sein wie der einer 35-jährigen Frau oder eines 71-jährigen Mannes.

(12) Wenn wir schon von SPRACHE sprechen als jenem HILFSMITTEL, mittels dessen ein SPRECHER einem HÖRER etwas SAGEN MÖCHTE und wir festgestellt haben, dass die GEMEINTE BEDEUTUNG (normalerweise) ETWAS ANDERES ist als die BENUTZTEN SPRACHLICHEN AUSDRÜCKE, und wir ferner ERFAHREN, dass wir sehr wohl die BEZIEHUNGEN zwischen SPRACHLICHEM AUSDRUCK und damit GEMEINTER BEDEUTUNG ‘herstellen’ können, dann besagt dies, dass wir BEZIEHUNGEN (RELATIONEN) ZWISCHEN VERSCHIEDENEN PHÄNOMENEN WISSEN (ERKENNEN, ERLEBEN) können. So kann der GESPROCHENE SPRACHLICHE AUSDRUCK ‘Diese Person da’ als mögliches Beispiel für die ABSTRAKTE REPRÄSENTATION DIES AUSDRUCKS verstanden werden, der wiederum BEZOGEN IST auf eine ABSTRAKTE BEDEUTUNG von ‘Person, diese, da’ und diese abstrakte Bedeutung wiederum kann bezogen werden auf eine KONKRETE PERSON IM UMFELD DES SPRECHERS. Damit gibt es schon verschiedene ARTEN von ERLEBBAREN (WISSBAREN) BEZIEHUNGEN: (i) KONKRETES Phänomen Ph_Concr als Instanz von einem ABSTRAKTEN Phänomen Ph_Abstr*; (ii) ABSTRAKTES Phänomen Ph_Abstr zu einem anderen ABSTRAKTEM Phänomen Ph_Abstr*. Und das sind nicht die einzigen.

(13) Eine PHÄNOMENOLOGISCHE THEORIE müsste also sowohl die verschiedenen ARTEN VON PHÄNOMENEN unterscheiden, dazu die unterschiedlichen BEZIEHUNGEN (RELATIONEN), in denen die Phänomene auftreten können, sowie die DYNAMIK (VERÄNDERUNGEN), die sich an diesen Phänomenen ‘zeigt’. Ferner müsste diese Theorie auch deutlich machen, wie sich die Struktur des phänomenologischen Raumes unter Umständen im Laufe des Lebens ändert.

(14) Die ENTWICKLUNG einer PHÄNOMENOLOGISCHEN THEORIE müsste ferner der ENTWICKLUNG  des ALLTAGSDENKENS und der ALLTAGSSPRACHE folgen. Denn nur in dem Maße, wie eine Alltagssprache L_Every verfügbar ist, sind KOMMUNIKATIONSPROZESSE möglich, innerhalb deren sich gemeinsam geteilte phänomenologische Strukturen ’sichtbar’ machen lassen. Da die ERLEBNISSTRUKTUR bei ‘GLEICHGEBAUTEN’ biologischen Systemen ‘im Normalfall’ SEHR ÄHNLICH ist, ist zu erwarten, dass die AUSFORMULIERUNGEN einer phänomenologischen Theorie recht weit kommen könnte. Relativ zum NORMALFALL wären dann alle ABWEICHUNGEN von besonderem Interesse (so zeigen gerade die PATHOLOGISCHEN Fälle aus der Neuropsychologie sehr Vieles über das Funktionieren unseres Gehirns und des davon abhängigen Erlebens was ohne diese pathologischen Fälle niemals so klar geworden wäre). Idealerweise würde eine phänomenologische Theorie auch als FORMALE THEORIE formuliert, die zudem COMPUTERGESTÜTZTE SIMULATIONEN möglich macht.

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Erste Aspekte zum phänomenologischen Raum