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PHILOSOPHIE IM KONTEXT oder: BEGRIFFSNETZE oder: THEORIENETZWERKE

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(1) In dem Vortrag in Bremerhaven ist die Verzahnung von Philosophie und Wissenschaft hevorgehoben worden. Ansatzweise wurde skizziert, wie eine bewusstseinsbasierte Philosophie als das primäre Denken innerhalb seines Denkraumes einen ‘Unterraum’ spezifizieren kann, der sich über die spezielle Teilmenge der ‘empirischen Phänomene’ [PH_Emp] definiert bzw. umgekehrt, wie man ausgehend von den empirischen Disziplinen über die Frage nach den notwendigen Voraussetzungen zu einem größeren Zusammenhang kommen kann, der letztlich mit dem philosophischen Denken zusammenfällt. Versucht man, die begrifflichen Verhältnisse zwischen den verschiedenen hier einschlägigen Disziplinen zu klären, dann wird man alsbald feststellen, dass diese bei den meisten nicht ganz klar sind; dies betrifft die ganze ‘Community’. Im Folgenden ein weiterer Versuch, die hier geltenden grundsätzlichen Verhältnisse transparent zu machen.

 

(2) Die grundsätzliche Idee (die ich seit mehr als 20 Jahren immer wieder mal auf unterschiedliche Weise versucht habe, — in erster Lnie mir selbst — zu verdeutlichen) ist im Schaubild Nr.1 angedeutet.

 

 

Gesamtrahmen Philosophie und Wissenschaften

 

 

(3) Nimmt man seinen Ausgangspunkt von existierenden empirischen Disziplinen wie Physik [Phys], Chemie [Chem], Biologie [Biol] usw. dann sind diese dadurch gekennzeichnet, dass sie aufgrund spezifischer Fragestellungen und spezifischer Messverfahren entsprechend verschiedene ‘Messwerte’ gewinnen.

 

(4) Hierbei ist aber zu beachten, dass die empirischen Messwerte zwar – idealerweise – unabhängig von einem bestimmten Körper oder Bewusstsein ‘gewonnen’ werden, dass sie aber nur in dem Maße in eine wissenschaftliche Theoriebildung eingehen können, als die Messwerte von Menschen auch ‘wahrgenommen’ werden können, d.h. nur insoweit, als die handlungs- und technikbasierten Messwerte zu ‘bewussten Ereignissen’ werden, zu ‘Phänomenen’ [PH]. Als ‘Phänomen’ ist ein Messwert und ein Zahnschmerz nicht unterscheidbar, allerdings haben sie verschiedene ‘Ursachen der Entstehung’, die sich in einer ‘Reflexion’ erschließen lassen. In dem Masse, wie man diese Unterscheidung durchführen kann, kann man dann innerhalb der ‘allgemeinen’ Menge der Phänomene PH eine spezielle Teilmenge der ’speziellen’ Phänomene ausgrenzen, also PH_Emp PH.

 

 

(5) In diesem Sinne kann man sagen, dass die Menge der empirischen Phänomene sich bezüglich ihrer ’speziellen Herkunft’ von allen anderen Phänomenen unterscheiden und dass die verschiedenen empirischen Disziplinen sich diese spezielle Teilmenge auf unterschiedliche Weise ‘aufteilen’. Idealerweise würde man sich die Menge der empirischen Phänomene PH_Emp zerlegt denken in endliche viele disjunkte Untermengen. Ob die tatsächlichen Messverfahren mitsamt den daraus resultierenden Messwerten real vollständig disjunkt sind, ist aktuell offen; spielt für die weiteren Überlegungen zunächst auch keine wesentliche Rolle. Wichtig ist nur, dass in diesem Zusammenhang nur dann von empirischen Daten wie z.B. ‘psychologischen Daten’ DATA_SR gesprochen werden soll, wenn es reale Messwerte von realen Messvorgängen gibt, die von einem Menschen wahrgenommen werden können und dieser diese Phänomene als entsprechende empirische Phänomene PH_Emp_x interpretiert (das ‘x’ steht hierbei für die jeweilige Disziplin).

 

(6) Wie in vorausgehenden Blogeinträgen schon mehrfach festgestellt, bilden empirische Daten DATA_x als solche noch keine wirkliche Erkenntnis ab. Diese beginnt erst dort, wo Verallgemeinerungen vorgenommen werden können, Beziehungen erkennbar sind, regelhafte Veränderungen, usw. Die Gesamtheit solcher struktureller Eigenschaften im Zusammenhang mit Daten nennt man normalerweise eine ‘Theorie’ [TH]. Ob und inwieweit alle heutigen empirischen Disziplinen wirklich systematisches Wissen in Form von expliziten Theorien TH_x entwickeln, steht hier nicht zur Diskussion (es gibt sicher viel weniger explizite Theoriebildung als man sich wünschen würde. Die einzige Disziplin, von der man den Eindruck hat, dass sie überwiegend durch formale Konstrukte begleitet wird, die den Anspruch von Theorien erfüllen, ist die moderne Physik. Alle anderen Disziplinen fallen hinter das Ideal mehr oder weniger weit zurück.).

 

(7) Solange man sich nun innerhalb einer ganz bestimmten Disziplin bewegt, ist die Welt — in gewissem Sinne – ‘in Ordnung’: man weiß wie man misst und man hat elementare Techniken, wie man Daten strukturiert. Fängt man an, Fragen nach den ‘Voraussetzungen’ dieser fachspezifischen Theoriebildung zu stellen, nach der Angemessenheit der verwendeten Methoden, wird es schwierig, da für solche Fragen strenggenommen kein Instrumentarium verfügbar ist (Warum und wieso sollte ein Chemiker sich Fragen nach den Grundlagen der Erkenntnis stellen, aufgrund deren er überhaupt etwas erkennt, oder nach dem Problem der sprachlichen Bedeutung, wenn er über chemische Sachverhalte spricht, über die Angemessenheit seiner Begrifflichkeit für den zu untersuchenden Gegenstand, usw.). Noch schwieriger wird es, wenn es um mögliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Theorieansätzen geht: ob und wie verhalten sich die Daten und theoretischen Modelle zwischen z.B. beobachtetem Verhalten in der Psychologie TH_SR mit zeitgleichen Messungen im Körper TH_Bd oder spezieller im Nervensystem TH_NN? Wann darf ich denn überhaupt von einer Theorie sprechen? In welchem Sinne kann ich Theorien TH_x und TH_y vergleichen? Diese – und viele andere – Fragen gehen weit über die fachspezifischen Fragestellungen hinaus, verweisen auf allgemeine fachübergreifende Zusammenhänge.

 

(8) Im deutschen Sprachraum gab es in der Zeit von ungefähr 1970 bis 1990 eine Phase, in der man verstärkt von ‘Wissenschaftstheorie’ sprach als jener ‘Metadisziplin’, die die allgemeinen Eigenschaften und Randbedingungen von ‘Theorien’ untersucht und klärt. Im englischen Sprachraum nannte man dies ‘Philosophy of Science’ (allerdings mit einer nicht ganz deckungsgleichen Bedeutung). Alle diese Strömungen haben – so scheint es – bis heute keinen nachhaltigen Einfluss auf den ‘normalen Wissenschaftsbetrieb’ nehmen können; eher ist das Thema sogar wieder rückläufig. Zwar bräuchte man es aus methodischen Gründen dringen, aber keiner will dafür Geld ausgeben.

 

(9) Die deutschsprachige Wissenschaftstheorie hatte den Nachteil, dass sie zwar versuchte, disziplinenübergreifend strukturelle Eigenschaften von Theorien zu klären, sich aber letztlich weigerte, sämtliche Voraussetzungen (einschließlich ihrer eigenen) zu reflektieren, d.h. die Wissenschaftstheorie nahm zwar einerseits gegenüber den Fachdisziplinen allgemeine Eigenschaften von Denken, Folgern, Sprechen, Messen usw. in Anspruch, die über die engen Fachdisziplinen hinausgehen, weigerte sich aber, diesen Anspruch in letzter Konsequenz zu reflektieren und auszuweisen (auch nicht die Erlanger Schule und die sogenannten Konstruktivisten). Eine solche grundlegende Reflexion war und blieb die Domäne der klassischen Philosophie, von der sich die Wissenschaftstheorie panisch abzugrenzen versuchte.

 

(10) So sehr eine gesunde Kritik an der klassischen Philosophie nottat, eine vollständige Verdrängung der philosophischen Aufgabenstellung und Denkweise wirkte aber wie eine ‘Überreaktion’; diese hatte zur Folge, dass sich die Wissenschaftstheorie von ihren eigenen Voraussetzungen mittels einer klassischen ‘Verdrängung’ zu befreien suchte, sich dadurch aber entscheidende Aspekte vergab.

 

 

(11) Wie das Schaubild zeigt, gehe ich davon aus, dass die im Erleben wurzelnde Reflexion der primäre Ausgangspunkt für jede Art von spezialisierendem Denken ist. Selbst eine empirische Disziplin ist im Raum der bewussten Erlebnisse, im Raum der Phänomene, verankert, und was immer ein empirischer Wissenschaftler denkt, er denkt im Rahmen der Denkmöglichkeiten, die ihm über das Bewusstsein und die ‘an das Bewusstsein gekoppelten Subsysteme’ verfügbar sind. Andere hat er gar nicht. Ein Wissenschaftstheoretiker, der über das theoretische Denken von Fachdisziplinen forschen will, ist auch nicht besser dran. Auch er ist an den Phänomenraum als primärem Bezugssystem gebunden und auch er nutzt jene allgemeinen Reflexionsmöglichkeiten, die im Bewusstseinsraum generell verfügbar sind. D.h. jeder Versuch, eine irgendwie geartetes geordnetes Denken — sei es fachwissenschaftlich oder wissenschaftstheoretisch – als solches auf seine Voraussetzungen und Wechselwirkungen hin zu befragen, muss auf dieses ‘primäre Denken’ zurückgehen und es für die Erkenntnis nutzen. Dieses primäre Denken aber ist genau das philosophische Denken, das auf der einen Seite mit dem alltäglichen Denken verschwimmt, und auf der anderen Seite in Wissenschaftstheorie oder gar Fachwissenschaft übergeht.

 

(12) Von der Intention her hat sich ‘Philosophie’ immer als solch ein ‘erstes Denken’ verstanden, das alles andere Denken umfassen sollte. In der konkreten Ausformung eines solchen ersten Denkens gab es aber immer vielfältige und starke Unterschiede. Generell kann man die Tendenz beobachten, dass das philosophische Denken sich entweder vom alltäglichen und wissenschaftlichen Denken ‘zu weit entfernt’ hat oder aber umgekehrt diesem ‘zu nah’ kam. Im letzteren Fall büßte Philosophie ihre kritisch-klärende Funktion ein.

 

(13) Will Philosophie beides zugleich realisieren, kritische Distanz wie auch kenntnisreiche Nähe, muss das philosophische Denken sowohl die ‘Form’ eines wissenschaftlichen Denkens hinreichend klären wie auch die eigenen Erkenntnis — sofern überhaupt strukturierbar – entsprechend explizieren. Das philosophische Denken als ‘erstes Denken’ wird zwar niemals seinen eigenen Anteil zugleich vollständig und korrekt explizieren können (das liegt primär an der Struktur des Denkens selbst sowie an der Verwendung von Sprache), aber es kann den Zusammenhang der einzelwissenschaftlichen Theorieansätze sowie deren allgemeinen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen soweit explizieren, dass klar wird, (i) was ist überhaupt eine Theorie TH_x, (ii) welche erkenntnistheoretischen Voraussetzungen müssen für eine bestimmte Theorie TH_x berücksichtigt werden, (iii) wie kann man das Verhältnis von Theorien beschreiben XREL(TH_x, TH_y), (iv) wie können Objektbeschreibungen aus unterschiedlichen Theorien (z.B. Eigenschaften von Neuronen beschrieben in einer neurowissenschaftlichen Theorie TH_nn, und Eigenschaften eines beobachtbaren Verhaltens in einer psychologischen Theorie TH_sr) aufeinander bezogen werden, usw.

 

(14) Fordern muss man aber auch, dass das philosophische Denken seine Inhalte, soweit sie explizierbar sind, auch in Form von Daten DATA_ph kenntlich macht, und, darauf aufbauend, verdeutlicht, welche Strukturen TH_ph das philosophische Denken vermeintlich besitzt bzw. benutzt, um die Möglichkeit und das ‘Funktionieren’ der Einzeltheorien zu ‘erklären’. In gewisser Weise muss die Philosophie genauso ein ‘Modell’ ihres Gegenstandes bauen wie dies die anderen Wissenschaften auch tun. Im Fall der Philosophie geht es um den Menschen selbst, speziell um den Menschen, insofern er ‘erkennt’, ‘Wissen’ entwickelt’, er ’spricht’, und vieles mehr. Und natürlich könnte (bzw. sie müsste es!) die Philosophie — wie alle anderen Disziplinen auch – Computermodelle benutzen, um ihr theoretisches Modell vom erkenntnisfähigen und ethisch handelndem Menschen zu explizieren. ‘Computergestützte Philosophische Theorie’ (etwa ‘computational philosophy’) ist nicht nur kein Gegensatz sondern ein absolutes Muss! Ohne solche Modelle hat eine moderne Philosophie kaum eine Chance, die zu behandelnde Komplexität angemessen beschreiben zu können.

 

 

Eine korrigierte Version dieses Beitrags findet sich hier.

 

 

Einen Überblick über alle bisherigen Beiträge findet man hier.

 

 

(15) Weitere Details in Fortsetzungen bzw. im Rahmen meiner online-Skripte zur allgemeinen Lerntheorie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PHILOSOPHIE JETZT

(1) Dieser Blog steht unter dem Thema ‘Philosophie Jetzt’. Lange Zeit war mir selbst nicht klar, was dies genau heißt… so eigentümlich dies für einen Leser auch klingen mag. Es gab nur so ein unbestimmtes, dennoch sehr starkes, ‘Gefühl’, dass eine begriffliche Vermittlung zwischen all den heute umher schwirrenden Denkkonzepten notwendig sei, für uns alle.

(2) Ein bischen wie ‘herumstochernd im Nebel’ habe ich versucht, mich über verschiedene kleine Reflexionen an das ‘Thema’ heran zu tasten.

(3) Dem Vortag in Bremerhaven kommt insoweit eine besondere Bedeutung zu als er jenen Punkt markiert, bei dem die vorangehende Suche einen ersten ‘Teilerfolg’ erzielen konnte: die Rolle der Philosophie und darin ihre ‘Notwendigkeit’ für unser heutiges Denken wurde mir persönlich so weit klar, dass ich ab jetzt mit Überzeugung sagen kann, dass wir philosophisches Denken brauchen.

(4) Das philosophische Denken richtet sich ‘auf sich selbst’; das Denken versucht, ’sich selbst’ zu denken. Dieses ‘Wissen um sich selbst’ ist spezifisch für den homo sapiens (nicht absolut, wie die moderne Verhaltensforschung zeigt) und dieses Wissen unterscheidet sich deutlich vom empirisch-wissenschaftlichen Denken, das sich in seinem Gegenstandsbereich auf jene Phänomene beschränkt, denen ‘etwas in der Außenwelt’ korrespondiert.

 

(5) Zugleich wurden aber auch die Grenzen eines philosophischen Denkens sichtbar: die biologischen Voraussetzungen des Denkens sind nach heutigem Kenntnisstand ‘real’: wir können nur denken, weil wir ein Gehirn in einem Körper haben, die beide im Laufe von 3.2 Milliarden Jahren ihre heutige Form gefunden haben. Die Erforschung der Evolution als Teilgeschehen in der Entstehung des messbaren Universums hat sehr viele neue Perspektiven eröffnet, die zum Verständnis des Körpers, des Gehirns und des Bewusstseins beigetragen haben.

(6) Das Fortschreiten der empirischen Wissenschaften –-insbesondere der Physik– zeigt aber auch, dass die methodische Ausklammerung des Subjektiven durch Festlegung auf empirische Phänomene, reproduzierbaren Messverfahren und mathematische Modelle mehr und mehr die Grenzen dieser Methode erkennen lässt. Die meisten Wissenschaftler wenden diese Methoden an, sind sich aber deren Voraussetzungen und deren Einbettung in das subjektive Denken nicht bewusst.

(7) Die Grenzen des empirischen Verfahrens sind vielfältiger Natur: (i) Schon die Quantenphysik enthüllte mit dem ‘Unschärfeproblem’ die Grenzen der Messbarkeit. Wenn ‘Messen’ bedeutet, den Gegenstand des Messens zu ‘verändern’, so dass das, was man messen will, durch das Messen nicht mehr das ist, was man eigentlich messen will (Heisenberg). (ii) Die Mathematik und Meta-Mathematik macht deutlich, dass die verschiedenen verfügbaren physikalischen Erklärungsmodelle noch kein einheitliches Modell bieten; ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Phänomene des ‘Lebendigen’ nicht in das Schema der bekannten physikalischen Prinzipien zu passen scheinen (Schrödinger, Heisenberg). (iii) Die Meta-Mathematik und Logik haben ferner aufgezeigt, dass formale Theorien ab der Ausdrucksstärke von Theorien erster Stufe (und das betrifft nahezu alle mathematischen und physikalischen Theorien) nicht mehr absolut entscheidbar sind (Gödel, Turing). (iv) Auch empirische Wissenschaftler leben letztlich von der Kommunikation ihres Wissens. Dazu müssen sie eine Sprache L benutzen, die in der Lage ist, sowohl ihre Messwerte, die Umstände des Messens wie auch die mathematisch formulierten Sachverhalte mit einer ‘klaren Bedeutung’ zu benutzen. Eine semiotische (= zeichentheoretische, auch linguistisch/ sprachpsychologische/ sprachphilosophische) Analyse kann aber aufzeigen, dass übliche mathematische Modelle in dieser Weise nicht zweifelsfrei kommunizierbar sind (Suppe). (i) – (iv) zusammenfassend bedarf es einer Reflexion auf diese Sachverhalte und deren Voraussetzung. Dies kann nur eine philosophische Reflexion sein, die in Gestalt von Wissenschaftsphilosophie (oder Wissenschaftstheorie) genau dies tut.

(9) Damit schließt sich der Kreis. Den Ausgangspunkt jeglichen Denkens des Denkens bildet zwangsläufig das philosophische Denken. Dieses wird durch das partielle Denken im empirischen Muster ergänzt/ korrigiert. Das empirische Denken hat selbst Voraussetzungen und Grenzen, die wiederum auf das philosophische Denken verweisen.

(10) Dieser sich hier andeutende ‘Zirkel’ besitzt eine gewisse ‘unendliche Endlichkeit’, da das in sich unabschließbare philosophische Denken keinen natürlichen Endpunkt (’Fixpunkt’) finden kann. Auch das partielle empirische Denken findet offensichtlich in seinem Gegenstandsbereich der empirischen Welt bislang keine absoluten Haltepunkte: in Richtung der ‘kleinsten’ Teilchen und der ‘größten Distanzen’ gibt es bislang keinen klaren Endpunkt (’Fixpunkt’).

(11) Bei der Vermittlung dieser neuen Perspektive kann es –zumindest nicht in erster Linie– darum gehen, ein weiteres neues Buch zu schreiben. Wichtig ist vor allem, dass möglichst viele Menschen durch Gespräche in ihrem Alltag diese neuen Perspektiven kennen- und verstehen lernen. Eine der erhofften Wirkungen wäre die einer neuen Klarheit und einer daraus resultierenden neuen Offenheit, nicht Verwirrung und Dogmatismus.

(12) Ich persönliche sehe drei Dimensionen der Realisierung dieses neuen Denkens: (i) Philosophische Gespräche und Texte für die allgemeine Perspektive; (ii) formale Strukturen und Modelle (einschließlich Softwaresimulationen) zur Klärung von Details; (iii) Verbesserung von Serviceleistungen und Produkten im Alltag, die dazu beitragen, im Alltag diese Klarheit zu finden. Dazu gehören z.B. Informations- und Lernprozesse im Alltag.

VEREINIGUNG VON PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT?



(1) Eine klare Definition von Philosophie gibt es bislang nicht und dürfte es
angesichts der Besonderheit des  Gegenstandes vermutlich auch niemals geben.

(2) Viele Autoren, die sich als Philosophen verstehen, sehen den Gegenstand
der Philosophie in der Aufdeckung von Zusammenhängen, die jedem Denken zugehören,
unabhängig von den wechselnden ('kontingenten') 'Inhalten'.

(3) Nach Descartes, Kant -- und vielen anderen -- hat Husserl versucht, einen
allgemeingültigen und 'festen' Grund des Denkens durch Fokussierung  auf das
Erleben des eigenen Denkens zu finden.

(4) Husserl unterscheidet zwischen den wechselnden -- und vom ihm als 'kontingent'
bezeichneten -- Inhalten des Erlebens (den 'Phänomene')  sowie jenen Momenten des
Erlebens, die allem Erleben 'innewohnen', 'implizit zugehören'. Immer, wenn wir
erleben, dann sind diese Momente als solche 'unterscheidbar' von den kontingenten
Phänomenen.  In Anlehnung an Kant kann man solche 'impliziten', 'dem Erleben
innewohnenden' Eigenschaften 'transzendental' nennen: sie sind dem Erleben
'voraus(gesetzt)'.

(5) Husserl hebt hervor, dass diese Unterscheidungen von kontingenten
Bewusstseinsinhalten und transzendentalen Momenten des Bewusstseins zur
Voraussetzung hat, dass man die 'normale (alltägliche)' Erlebniseinstellung verlässt.
Für Letztere ist kennzeichnend, dass 'erlebte Inhalte' nicht als 'erlebte' Inhalte
genommen werden, sondern dass diese 'automatisch' so interpretiert werden, als ob
diese Erlebnisinhalte – sofern sie dem Bereich der Sinneswahrnehmung zugeordnet
werden --  'Dinge in der realen Welt' 'verkörpern'. D.h. Unser alltägliches 'naives'
Erleben unterstellt den Erlebnisinhalten eine 'ontologische Geltung', eine
'Existenz in der realen Welt'. Sofern man sich 'als  Philosoph' 'bewusst' wird,
dass das 'Erleben als solches' nicht notwendigerweise  eine reale Existenz bedingen
muss (Beispiel 'Träumen', 'Fantasieren', 'Vorstellen', 'Erinnern',...), kann man
diese Unterscheidung festhalten und versuchen, sie zu einem methodischen Element
des Welterlebens machen. Husserl nennt die Einstellung, die diese Unterscheidung
konserviert, 'epochä' (aus dem Griechischen), etwa 'Ausklammerung (oder 'Einklammerung').
Unter Anwendung der epochä werden die ontologischen Unterstellungen für alle
Erlebnisinhalte erst einmal eingeklammert.


(6)Der  epochä voraus liegt die grundsätzliche 'Bewusstwerdung' des 'Erlebens als
solchem'! Erst unter Voraussetzung des Erlebens als solchem kann ich innerhalb
dieser Bewusstwerdung die zusätzliche Unterscheidung zwischen dem 'reinen
Erlebnisinhalt' und den 'begleitenden Eigenschaften' machen wie z.B. den
ontologischen Unterstellungen oder den transzendentalen Momenten des Erlebens.

(7) Am transzendentalen Erleben kann man im Rahmen der grundsätzlichen
Bewusstwerdung  viele unterscheidbare Eigenschaften (informell beschreibbar
als 'Erinnern', 'Abstrahieren', 'Vergleichen',...), identifizieren.

(8) Ein Philosophieren, das die Inhalte des Erlebens zum Gegenstand macht,
hat ein Grundproblem, das bis heute – so scheint es – noch niemand befriedigend
lösen konnte; dies ist dem Umstand geschuldet, dass Philosophieren eine Tätigkeit
ist, zu der die Kommunikation zwischen Menschen dazu gehört. Ohne sprachliche
Kommunikation der Denkinhalte ist das Philosophieren weitgehend wertlos.
Selbst wenn das individuelle Denken über irgendwelche 'Inhalte' verfügen würde
(wovon auszugehen ist), wären diese Inhalte solange 'unsichtbar', solange sie
nicht in einer gemeinsam geteilten Sprache 'vermittelbar' wären. Davon zu
unterscheiden wäre die Frage, was denn ein einzelner Denker überhaupt denken
kann, wenn er nicht über eine Sprache verfügt, die von anderen verstanden wird.
Wieweit bilden die Tiere, die keine elaborierte Sprache ausgebildet haben, ein
Beispiel für sprachfreies Denken? Immerhin sind zu komplexen – auch sozialen –
Handlungen fähig.

(9) Wie viele vor Wittgenstein als 'Philosophen der Sprache' bezeichnet werden
sollten, kann ich momentan nicht klar entscheiden, auf jeden Fall hat Ludwig
Wittgenstein die transzendentale Rolle der Sprache für unser Erleben in einer
Weise beleuchtet und reflektiert, wie niemand zuvor – und bislang vielleicht auch
niemand mehr nach ihm --.  Er ist der kreative Totalzerstörer von jeglicher
Bedeutungssicherheit. Er liefert zwar keine neue konstruktive Antworten, aber
er bereitet den Weg durch Zerstörung falscher Sicherheiten. Wittgenstein muss man
'meditieren', und dann kann man versuchen, 'erneuert' zu denken...

(10) Von einer anderen Warte aus – und offensichtlich noch ohne Kenntnis von Wittgenstein –
hat Saussure in seinen Grundlagen zur Sprachwissenschaft (erstmalig in Vorlesungen
1906 - 1911) versucht, einen allgemeinen Begriff des (sprachlichen) Zeichens einzuführen.
Sein Ausgangspunkt ist eine Population von Sprecher-Hörern – eine Population P von
Zeichenbenutzern --, von denen sich ein einzelner Zeichenbenutzer beim Sprachgebrauch
immer in einem sprachlichen Rückkopplungsprozess  derart befindet, dass der physikalische
Laut zwischen mindestens zwei Zeichenbenutzern sensorisch aufgenommen, physiologisch
– sprich: neuronal – verarbeitet verarbeitet wird, so dass es zu einem 'psychischen
Erlebnis' kommt, welches das eigentliche Ereignis für den Hörer darstellt. Im 'Erleben'
erlebe ich einen Klang als 'abstraktes Klangereignis' und zusätzlich erlebe ich ein
'abstraktes Dingkonzept' (implizit zubereitet durch das verarbeitende Gehirn). Zwischen
einem Dingkonzept O_ph und einem Lautkonzept L_ph kann im Gehirn eine Verbindung
('Assoziation') hergestellt werden, so dass das Lautkonzept über diese Verbindung auf
das Dingkonzept 'verweisen' kann, und umgekehrt)(ASSOC(L_ph,O_ph)). Das Lautkonzept wird
in solch einer Verbindung zum 'Bezeichner' ('signifiant', Signifikanten), und das über
solch eine Verbindung Bezeichnete wird zur 'Bedeutung' ('signifie', Signifikat) des
Bezeichners. Beide Momente vereint durch eine Beziehung werden dann zu einem 'Zeichen'
('signe'). Für Saussure war es wichtig, festzuhalten, dass diese mögliche Beziehung
zwischen einem Bezeichner und einem Bezeichnten 'arbiträr' ist in dem Sinne, dass
ein bestimmtes Bezeichnetes 'von sich aus' keinen bestimmten Bezeichner 'verlangt'.
Ob man eine mögliche (!) Unterscheidung im Rahmen der Wahrnehmung von dark und light
 nun mit den Bezeichnern 'dunkel' und 'hell' bezeichnen will oder mit irgendwelchen
anderen Lautkombinationen ist völlig der Entscheidung der Sprachgemeinschaft überlassen.
Wenn diese sich einmal entschieden hat, dann wird die einmal getroffene Entscheidung
in den meisten Fällen erst einmal als 'Verabredung' (Konvention) dahingehend wirksam
sein, dass ein Zeichenbenutzer dieser Population im Bedarfsfall erst einmal die
eingeführten Zeichen benutzen wird. Dennoch steht es der Population frei, diese
Zuordnungen wieder zu verändern (was historisch auch immer wieder geschehen ist).

(11) Schon diese minimale Sprachtheorie macht deutlich, dass die Einführung von Zeichen
für Objekte, die nicht 'zwischen' den verschiedenen Zeichenbenutzern existieren
und somit als empirische Objekte wahrgenommen werden können, viel grundsätzliche
Fragen aufwirft. Aber selbst die sprachliche Kommunikation über sogenannte 'empirische'
Objekte ist nicht trivial. Nach der Saussurschen Theorie können zwei Zeichenbenutzer
nur dann über ein empirisches Objekt zu einer Einigung kommen, wenn die psychischen
Objekte L_ph und O_ph bei bei beiden Zeichenbenutzern hinreichend 'ähnlich' sind
und darüber hinaus in ihrer 'Abbildung' vom externen Stimulus in ein psychisches
Ereignis hinreichend 'konstant'. Würde das 'gleiche' empirische Objekt O_e.i bei
jedem Auftreten anders abgebildet werden (also O_e.i ---> {O_ph.i.1, ..., O_ph.i.k}),
dann wäre der betreffende Zeichenbenutzer garnicht in der Lage,  in diesen
verschiedenen psychischen Ereignissen ein einziges bestimmtes empirisches Objekt
erkennen zu können. Ferner, selbst wenn die Abbildung als solche konstant wäre,
würde es zu Problemen kommen können, wenn die Abbildungen in jedem Zeichenbenutzer
grundsätzlich verschieden wäre (also O_ph.i von Zeichenbenutzer A wäre verschieden
von O_ph.i von Zeichenbenutzer B). Dies bedeutet, schon die 'normale' sprachliche
Kommunikation von empirischen Objekten verlangt, dass die internen
Abbildungsmechanismen von Wahrnehmungsereignissen in psychische Objekte sowohl
hinreichen 'konstant' wie auch hinreichend 'ähnlich' zwischen unterschiedlichen
Zeichenbenutzern sind.

(12) Aufgrund der Erkenntnisse verschiedener empirischer Wissenschaften zur
Evolution des Lebens – speziell auch zur Entwicklung genetischer Strukturen,
Körperentwicklung, Gehirn- und Verhaltensentwicklung -- wissen wir, dass der
'Bauplan' für den homo sapiens 'identisch' ist und dass trotz Wechselwirkung
mit der Umwelt während der Wachstumsphase die entscheidenden Gehirnstrukturen
tatsächlich hinreichend ähnlich sind. Sinneswahrnehmung, Gedächtnisstrukturen,
Bewegungsprogramme, Spracherwerb, usw. funktionieren bei den einzelnen Zeichenbenutzern
'vollautomatisch' und hinreichend 'strukturähnlich'.

(13)Ausgestattet mit diesen Erkenntnissen eröffnet sich für die Frage der
sprachlichen Kommunizierbarkeit von bewusstseinsphilosophischen Sachverhalten
der interessante Ansatzpunkt, dass eine bedingte Kommunikation von
nichtempirischen Phänomenen möglich erscheint, wenn diese Phänomene
konditioniert sind von einer allgemeinen Erlebnisstruktur des homo sapiens
(eine der Leitideen der evolutionären Erkenntnistheorie). In diesem Fall
könnte ein Zeichenbenutzer A, der Zahnschmerzen hat, unter bestimmten
Voraussetzungen einem anderen Zeichenbenutzer B, der die Zahnschmerzen des A
nicht 'wahrnehmen' kann, u.U. 'indirekt' verstehen (z.B. durch Hinweise auf
Situationen, in denen er auch 'Schmerzen' hatte oder gar 'Zahnschmerzen').
Eine solche 'indirekte' Bedeutungseinführung verlangt von allen Beteiligten
eine große Disziplin, verlangt möglichst viele gemeinsam geteilte Erfahrungen,
vor allem aber 'Vertrauen' darin, dass der andere nicht 'täuscht', nicht etwas
'simuliert', was garnicht da ist. Eine direkte Überprüfbarkeit ist stark
reduziert wenn nicht völlig ausgeschlossen. Trotz dieser Widrigkeiten, das zeigt
der Alltag, gelingt der Aufbau von 'indirekten Bedeutungsbeziehungen' erstaunlich
gut und kann sehr weit ausgreifen. Allerdings erscheinen die 'Grenzen' dieses
Verfahrens 'fließend' zu sein.

(14) Eine Bewusstseinsphilosophie auf der Suche nach transzendentalen Strukturen
wird also letztlich nur soweit kommen können wie einerseits (i) das Erleben als
solches Inhalte verfügbar machen kann und zum anderen (ii) nur insoweit, als
eine gemeinsame Sprache verfügbar ist, die es erlaubt, die verfügbaren
Unterscheidungen im Raum des Erlebens sprachlich zu kodieren.

(15) Husserl selbst blieb in der Struktur seines Erlebens letztlich 'gefangen'
und alle seine Bemühungen zur Einordnung von kontingenter Welterfahrung und
transzendental bedingter Metaphysik enden an den Grenzen des puren Erlebens
(inklusive der darin fassbaren allgemeinen Sachverhalte)

(16) In der Philosophie nach Husserl gab es unterschiedliche Strömungen, den
phänomenologischen Ansatz anders zu deuten oder gar weiter zu entwickeln, doch
die schier unüberwindlich erscheinende Gegenübersetzung von kontingenten
Erlebnisinhalten (und den darauf aufbauenden entsprechend angenommenen kontingenten
Einzelwissenschaften) und transzendentalen Sachverhalten paralysierte alle
Nachfolger (einschließlich z.B. Heidegger, Derrida, Lyotard).

(17) Folgt man den Einsichten zum Sprachgebrauch dann kann deutlich werden,
dass die Formulierung abstrakter Modelle (formaler Theorien) sowohl zur
Beschreibung von Regelhaftigkeiten im Kontext von kontingenten Inhalten benutzt
werden kann wie auch zur Beschreibung von transzendentalen Eigenschaften des
Erlebens. Mehr noch, die Entwicklung von empirischen Theorien mit 'formalen
Kernen' hat gezeigt, dass Dasjenige, was den 'Erkenntnisinhalt' solcher
Theorien ausmacht, gerade nicht das kontingente Faktum als solches ist,
sondern jene 'Regelhaftigkeiten', die anläßlich des kontingenten Auftretens
durch 'Speicherung der Ereignisse' 'sichtbar' werden und eben als diese
'Regeln' dann in eine formale Strukturbildung Eingang finden. Statt – wie
Husserl dies tut – hier von der 'Transzendenz' der empirischen Bedeutungen zu
sprechen, vom 'unendlichen Horizont der Bedeutung' (was in gewissem Sinne
schon einen 'Sinn' ergibt), wäre es vielleicht hilfreicher, sich klar zu machen,
dass die kontingenten Inhalte als solche dem bewussten Erleben gegenüber
auch 'transzendental' sind, dem Erleben 'vorausgehend', und dass die 'Extraktion'
von Regeln in den transzendentalen Inhalten ein Denkprozess ist, der als solcher
transzendental ist. Es ist das 'transzendentale Denken' das sich aus den
transzendentalen Phänomenen jene Eigenschaften extrahiert, die über das
einzelne Phänomen hinausweisen und als allgemein Gedachtes dann zur
'Voraussetzung' des weiteren Denkprozesses wird. Zugleich sind die
erkannten Regeln in ihrer möglichen ontologischen Interpretation ebenfalls
ein 'transzendentales Etwas' für das erkennende Denken.

(18) Findet somit schon über die Dimension des Zeichengebrauchs eine gewisse
Annäherung zischen dem 'Kontingenten' und dem 'Transzendentalem' statt, so haben
uns die modernen empirischen Wissenschaften darüber belehrt, dass die allgemeinen
Strukturen des Erlebens (und darin enthalten Erinnern, Abstrahieren, Denken usw.)
zwar aus der Perspektive des Erlebens selbst als etwas Transzendentales, als
etwas nicht weiter Hintergehbares erscheinen, dass aber mit Hilfe von formalen
Theoriebildungen anhand von kontingenten Fakten klar geworden ist, dass
diese transzendentalen Strukturen letztlich selbst kontingent sind, nämlich
jene Strukturen, die sich im Rahmen der Evolution im Laufe von ca. 3.5 Milliarden
Jahren in Interaktion mit der vorfindlichen Erde entwickelt haben. Und diese
Strukturen sind kein 'Endpunkt', sondern nur eine 'Zwischenstation' in einem
Prozess, dessen Ende noch niemand kennt. Eine Metaphysik auf Basis rein
transzendentaler Sachverhalte im Sinne Husserls – also unter Ausklammerung der
Erkenntnisse aus den kontingenten Inhalten – erscheint von daher sehr fragwürdig,
mehr noch, sie führt – wie es bislang der Fall ist --, zu einer Fülle
unauflöslicher Paradoxien.

(19) Nimmt man die neuen Einsichten auf, dann lässt sich ein interessanter neuer
– und dynamischer – Ansatzpunkt für eine die ganze Welterfahrung umspannende
Metaphysik skizzieren. Den Kern bilden emirische Theorien mit formalen
Theoriekernen, die im Erleben verankert sind. Das Erleben ist aber korreliert
mit den Erkenntnissen über die Strukturentwicklung von Körper und Gehirn.
Dies ist notwendig, da die transzendentalen Voraussetzungen des individuellen
Erlebens innerhalb des individuellen Erlebens zwar einen 'absoluten' Rahmen
bilden, insofern das Individuum aber Teil einer Population ist, die eine
evolutionäre Entwicklung hinter sich hat, ist dieser individuelle transzendentale
Rahmen eine 'gewordene' Struktur, die ihre Wahrheit aus den bisherigen
Interaktionserfolgen mit der vorgegebenen Erde bezieht. Die Erde selbst ist
aber nur ein winziger Teil des Universums, in dem schon alleine die Milchstrasse
als unser Heimatgalaxie mehr als 200 Miliarden Sonnen enthalten soll. Es
wäre also zu klären, worin das 'Allgemeine' in der Struktur liegt, die wir
bislang 'empfangen' haben und inwieweit man dies über die Erde hinaus ausdehnen
kann.

(20) Jede künftige Philosophie ist entweder eine Philosophie des Lebendigen
im Universum unter Einbeziehung aller empirischen Wissenschaften oder sie
degeneriert zu einem bloßen 'Meinen' von einzelnen Personen, bei dem nicht klar
ist, was sie sagen wollen, weil die Beziehung zum Ganzen des Wissens willkürlich
beschnitten wurde.

Philosophie Jetzt: Veranstaltung am 2.Okt.2011

Hier eine Ankündigung in eigener Sache:

Am 2.Okt.2011 beginne ich mit einer ersten Veranstaltung im Rahmen des Projektes ‘Philosophie Jetzt’ mit dem aktuellen Titel ‘Unterwegs Wohin?’

Grundidee ist, die Diskussion aus dem Blog auch in der Öffentlichkeit zu führen und damit  das Umdenken vieler gewohnter Alltagsbegriffe weiter zu unterstützen. Die Veranstaltung findet im

Bistro des Restautant ‘Schnittlik’ statt

61137 Schöneck

Platz der Republik 2

16:00 - 19:00h

Gedacht ist an einer lockeren Form  von Vortrag, Gespräch, aufgelockert mit eigener experimenteller Musik. Denkbar, dass in Zukunft auch andere aktiv mitwirken durch Texte und Musik. Dies ist jedenfalls ein Anfang. Philosophie ist für uns alle wichtig, nicht nur für ‘Hinterstubendenker’……

Herzliche Grüße,

cagent

PS:  Es deutet alles darauf hin, dass es mir zum ersten Mal gelingt, einen Zusammenhang von ‘Urknall’ über kosmische Evolution, biologische Evolution 1, biologische Evolution 2 (=Kultur, Technologie) bis hin zu Grundstrukturen von Wissen, Lernen und Werten zu zeichnen. Hätte dies nie für möglich gehalten. Im Nachhinein erscheint es so einfach und man versteht gar nicht, warum man sich nahezu 63 Jahre quälen muss, bis man dahin kommt (kleiner Trost. den anderen geht es auch nicht besser…). Die neue Perspektive hat allerdings etwas ‘Berauschendes’; die philosophisch-theologischen Kategorien der Vergangenheit wirken da wie ein ’schlechter Traum’. Andererseits war dies irgendwie als ‘Durchgangsphase’ unumgänglich. Erkennen funktioniert nur über Blindversuch, Fehler, Korrektur, neuer Versuch… irgendwann hat man dann das Gefühl, jetzt scheint es ‘besser’ zu sein…bis zur nächsten ‘Verbesserung’…Ohne diese gelegentlichen Blog-Einträge — so einfach und erratisch sie auch im einzelnen sein mögen — wäre dies nie passiert….

PS2: Ja, die Veranstaltung hat stattgefunden. Trotz strahlendem Sommerwetter war der Raum gefüllt und die drei Stunden erwiesen sich als viel zu kurz….Das ruft nach mehr….

Zusammenfassung des Vortrags

 

(1) Der Vortrag wählte als Ausgangspunkt die Position des Dualismus, der fast 2000 Jahre die europäische Philosophie — und auch das übrige Denken — geprägt hatte und selbst heute noch in vielen Kreisen präsent ist: die Gegenübersetzung von Geist und Materie.

 

(2) Es wurde dann in mehreren Schritten gezeigt, wie diese Gegenübersetzung im Lichte des heutigen Wissens nicht nur ‘in sich zusammenfällt’ sondern mehr noch, einen völlig neuen Denkansatz ermöglicht.

 

(3) Über die Stationen Erde - Sonnensystem - Milchstraße - Universum wurde nicht nur deutlich, dass wir in einer der wenigen ‘bewohnbaren’ (habitablen) Zonen leben, sondern dass alle bekannte ‘Materie’ letztlich nichts anderes ist als eine ‘Zustandsform von Energie’.

 

(4) Anhand der unterschiedlichen komplexen Strukturen wie subatomar Quanten, Atome, Moleküle wurde deutlich, wie es eine Brücke gibt von der Energie zu den kleinsten Bauelementen biologischer Lebensformen im Rahmen der chemischen Evolution. Zwar sind hier bis heute noch nicht alle Abläufe vollständig aufgeklärt, aber der Weg vom Molekül zur Zelle ist zumindest prinzipiell nachvollziehbar.

 

(5) Es wurden grob jene Prozess skizziert, die bei der Selbstreproduktion involviert sind (DNA, mRNA, tRNA, Ribosomenkomplexe….). Sämtliche Prozesse dieser chemischen Informationsmaschinerie basieren ausschließlich auf Molekülen.

 

(6) Die biologische Evolution von den ersten Zellen bis zum homo sapiens wurde stark verkürzend skizziert. Die Rolle des Gehirns in der Steuerung, für das Verhalten, für die Sprache. Die mittlerweile allgemein akzeptierte Out-of-Africa Hypothese, die Abstammung aller heute lebenden Menschen von einer Gruppe von homo sapiens Menschen, die von Ostafrika aus vor ca. -70.000 über Arabien, Persien, Indien Australien bevölkerten, Asien und ab ca. -45000 Europa. Später auch Nord- und Südamerika.

 

(7) Es wurde kurz erklärt wie der ‘Wissensmechanismus’ hinter der biologischen Evolution funktioniert, die — obgleich vollständig ‘blind’ — innerhalb von ca. 3.7 Mrd. Jahren hochkomplexe Organismen hervorgebracht hat. Die ‘Logik’ dahinter ist ein gigantischer Suchprozess über die möglichen ökologischen Nischen, deren Feedbackmechanismus ausschließlich im Modus des ‘Überlebens’ gegeben war. Das konnte nur funktionieren, weil beständig Milliarden von ‘Experimenten’ gleichzeitig ausgeführt wurden. Evolution heißt ‘aktiv mit dem Unbekannten spielen’ mit dem Risiko, unter zu gehen; aber dieses Risiko war — und ist — die einzige ‘Versicherung’, letztlich doch zu überleben.

 

(8) Es wurde dann die Besonderheit des Gehirns erläutert, warum und wie Gehirnzellen in der Lage sind, Signale zu verarbeiten. Es wurden die chemischen Prozesse geschildert, die diesen Prozessen zugrunde liegen und dann, wie sich diese komplexen chemischen Prozesse heute technisch viel einfacher realisieren lassen. Es wurde ferner erklärt, warum ein Computer das Verhalten eines Gehirns simulieren kann. Zugleich wurde aber auch deutlich gemacht, dass die Simulation mittels eines Computers keine vollständige Berechenbarkeit impliziert, im Gegenteil, wir wissen, dass ein Gehirn — real oder simuliert — grundsätzlich nicht entscheidbar ist (Goedel, Turing).

 

(9) Es wurde weiter erläutert, wie sich die Informationsverarbeitung eines Gehirns von der DNA-basierten Informationstechnologie unterscheidet. Neben Details wie Gedächtnisstrukturen, Bewusstsein - Unbewusstsein, Sprache, Abstraktionen, Planen, usw. wurde deutlich gemacht, dass die Informationseinheiten eines Gehirns (Meme) permanent durch das Verhalten eines Organismus modifiziert werden können. Im Zusammenwirken von Gehirn und Sprache ist das biologische Leben nun im Stande, komplexe Modelle des Lebens versuchsweise zu entwickeln, die in Verbindung mit Genetik den Entwicklungsprozess biologischer Strukturen extrem beschleunigen könnten. Mit Blick auf die drohenden Faktoren der Lebenszerstörung wie Sonnenerwärmung, Zusammenstoß mit der Galaxie Andromeda in ca. 2-4 Mrd Jahren — um nur einige Faktoren zu nennen — kann diese Beschleunigung des Entwicklungsprozesses von Leben von Interesse sein.

 

(10) Hier endete die Sitzung mit dem vielfachen Wunsch, den Diskurs fort zu setzen, speziell mit Blick auf die sich neu stellenden ethischen und praktischen Lebensfragen.

Womit hat der Bundestag dies verdient?

Zur Rede des Papstes im Deutschen Bundestag am 22.Sept.2011, abgedruckt in der FAZ Nr.222, 23.Sept.2011,S.8

 

(1) Der deutsche Bundestag ist ein demokratisch gewähltes Organ in einer rechtsstaatlichen Demokratie und kann darauf stolz sein. Der Weg zu diesem Zustand führte über viele, viele Jahrhunderte von Suchen, Debatten, Kriegen, Leiden, Ungerechtigkeiten, Leidenschaften, Widerstand, und vieles mehr.

 

(2) Der Papst hingegen verkörpert eine Institution, die von hierarchischen Strukturen geprägt ist, die nahezu keine Mitbestimmung kennt, die in den Jahrhunderten Andersdenkende oft — bisweilen im großen Stil — verfolgt, gefoltert und getötet hat. Die moderne Wissenschaft wurde bis ins letzte Jahrhundert auf vielfache Weise unterdrückt und bekämpft. Und selbst heute, selbst in dieser Rede, wird ein Bild von der modernen Wissenschaft gezeichnet, das man nur als Zerrbild bezeichnen kann. Und dieser Papst möchte über die Grundlagen des ‘freiheitlichen Rechtsstaates’ sprechen? Er möchte zum Dialog einladen? Was soll man davon halten?

 

(3) Als Diskussionsgegenstand wählt er die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates, das Recht, an dem sich jeder Politiker orientieren sollte. In diesem Zusammenhang baut er u.a. einen zeitlichen Zusammenhang auf zwischen vorchristlicher (griechischer) Philosophie, christlicher Offenbarung, christliches Mittelalter, Aufklärung, Menschenrechte, und Demokratien. Er interpretiert diesen zeitlichen Zusammenhang mit den Worten: “Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte… entwickelt worden”. Wenn man berücksichtigt, dass sich Aufklärung, neuzeitliche Wissenschaft und die Menschenrechte in heftigster Auseinandersetzung gegen die katholische Kirche entwickelt mussten (und bis heute sind in der Kirche noch nicht alle Menschenrechte umgesetzt!), dann erscheint die Interpretation des Papstes als geradezu dreist. Das ist Geschichtsklitterung und Demagogie in einem.

 

(4) Besonders bizarr wirkt die Argumentation, wenn es darum geht, die theologische Position gegen die neuzeitliche Wissenschaft in Position zubringen. Zunächst verortet er die Wurzeln des Rechts in Vernunft und Natur (als Besonderheit der katholischen Kirche; eine in sich mehr als fragwürdige Behauptung). Dann verknüpft er die Begriffe ‘Vernunft’ und ‘Natur’ mit einer positivistischen Interpretation, mit einem rein funktionalistischen Wissenschaftsbegriff, der das Subjektive, den Geist, den Ethos, die Religion nicht zulassen würde. In der sich daraus ergebenden ‘Lücke’ , die er als Kulturlosigkeit’ bezeichnet, sieht er dann ein Einfallstor für die ‘Vorräte Gottes’, für eine ’schöpferische Vernunft’, für einen ‘creator spiritus’. Das Problem mit dieser Interpretation ist jedoch, dass sie ein Bild von Wissenschaft und Gesellschaft zeichnet, das schlicht und einfach falsch ist. Wer die Entwicklung der modernen Wissenschaften in den letzten 100 Jahren aufmerksam verfolgt hat, weiß, dass Begriffspaare wie z.B. ‘Geist’ und ‘Materie’, ‘Vernunft’ und ‘Natur’ aus der Zeit einer vorwissenschaftlichen Philosophie heutzutage eine völlig neuartige Bedeutung bekommen haben, und immer noch weiter bekommen. Die schrittweise Rekonstruktion der Struktur von Materie und biologischem Leben haben dazu geführt, dass man das ‘Subjektive’ und ‘Geistige’ mehr und mehr als Eigenschaft des ‘Materiellen’ zu verstehen beginnt, was umgekehrt bedeutet, die ‘tote Materie’ der klassischen Philosophie erweist sich als Chimäre. Die Gegenübersetzung von ‘Geisteswissenschaften’ und ‘Naturwissenschaften’ fällt heute immer mehr zusammen. Fachbezeichnungen wie ‘Neuropsychologie’ oder ‘Kognitive Neurowissenschaften’ deuten dies an. Entsprechend kann man z.B. in der größten Ingenieurvereinigung der Welt — IEEE — eine Teilgesellschaften finden, die sich ‘Computational Intelligence’ nennt; dort werden  klassische Philosophen, das Bewusstsein, Gefühle, Werte usw. ganz selbstverständlich im Kontext von Maschinen diskutiert werden. Wer allerdings sein Denken auf einige wenige klassische Begriffspaare ‘programmiert’ hat, derjenige tut sich schwer, diese neuen Entwicklungen zu denken.

 

(5) Aber genau das ist der Gang der Geschichte: das Denken entwickelt sich — bislang zumindest — dynamisch weiter. Das Bild von der Welt wird ‘bunter’, ‘reicher’, ’spannender’. Die Frage der Werte ist lebendiger denn je: gerade im Bereich der Evolutionsforschung und der lernenden Systeme hat man die zentrale Rolle von ‘Werten’ entdeckt und man muss feststellen, dass wir im Verständnis der Wertentstehung ganz am Anfang stehen. Klassische Naturrechtsargumentationen wirken hier wie Relikte aus einer Vorwelt, denen eine wirkliche Rationalität fehlt.

 

(6) Vor diesem Hintergrund einer überaus lebendigen modernen Wissenschaft, die immer mehr in alle Bereich des Lebens — auch des Subjektiven, des bewussten wie auch des ‘unbewussten’, sogar in die Bereiche der Kunst und der Kreativität — vordringt, kann sich die theologische Frage nach einem Schöpfer u.U. ganz neu stellen. Allerdings bestimmt nicht so, dass man das Bild der Wissenschaft künstlich verzerrt, um damit alte, lieb gewonnene Begriffe und Vorurteile, die keinen Verkehrswert mehr haben, neu zu installieren.

 

(7) Am meisten erschüttert hat mich die Aussage des Papstes im Kontext der Bestimmung der Würde des Menschen und der Menschheit, dass “das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offensichtlich”. In diesem Moment hätten alle Abgeordneten sofort den Saal verlassen müssen. Natürlich garantiert das Mehrheitsprinzip keine Erkenntnis, aber es gehört mit zu den größten Errungenschaft neuzeitlichen Denkens, erkannt zu haben, dass zu keiner Zeit niemand über ein absolutes Wissen verfügt. Man kann immer nur versuchen, ein ‘relatives Optimum’ zu erreichen. Und wenn alle ‘unfähig’ sind, dann wird auch nicht viel herauskommen. Aber grundsätzlich besteht mit dem Mehrheitsprinzip die Möglichkeit, dem Willen der Mehrheit Ausdruck zu verleihen.

 

(8) Demgegenüber belegt der Wahrheitskatalog der katholischen Kirche eindrücklich, wie veraltete und falsche begriffliche Konstruktionen über Jahrhunderte konserviert werden können, die das Erkennen der Welt und die Achtung vor dem Menschen massiv behindert haben (und auch heute noch behindern). Man sollte sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass die Sache ‘Gottes’ und eine konkrete soziale Institution keinesfalls zwangsläufig miteinander zu tun haben müssen. Menschen — auch ‘Kirchenmenschen’ — haben die Freiheit, die Sache Gottes zu verleugnen. Ein letztes Urteil darüber haben wir zum Glück nicht zu sprechen.

 

Weil es Sinn gibt, kann sich Wissen akkumulieren, das Sinn sichtbar macht… Oder: warum die Frage ‘Warum gerade ich?’ in die Irre führen kann.

(1) Wenn etwas ‘Schlimmes’ passiert, dann fragen sich viele Menschen ‘Warum gerade ich?’ (hätte es jemanden anderen getroffen wäre man vielleicht ‘berührt’ — falls man der anderen Person nahe stand –, aber es würde einen bei weitem nicht so zentral treffen wie eigenes Leid. Wenn etwas subjektiv ‘Schönes’ oder gar ‘Außergewöhnliches’ geschieht, dann geraten die einen außer sich und halten sich womöglich sogar für ‘auserwählt’, womöglich für etwas ‘Besonderes’; andere bekommen sofort Angst, dass sie all dies, kaum dass sie es besitzen, wieder verlieren könnten, dass sie ‘dem Schicksal’ misstrauen; sie haben bislang — in ihrer Wahrnehmung — nicht viel Gutes erlebt, also verbietet es ihr Denken, das ‘punktuell Schöne’ ‘anzunehmen’; oder trotzig gerade doch: es geht ja doch, ich habe es immer gewusst….

(2) Man kann den Eindruck gewinnen, dass wir tendenziell eine ‘Deutungstendenz’ in uns tragen, die in allem nach einem ‘möglichen Sinn’ sucht, der die eigene ‘Werthaftigkeit’ unterstützt, der klar macht, dass das eigene Leben doch irgendwie einen ‘Wert’ und einen ‘Sinn’ hat. Andererseits, wenn wir uns lange Zeit schwer tun, einen ‘Sinn’ zu erkennen, dann kann dies sehr anstrengend, kann es schmerzhaft sein, keinen Sinn zu erkennen; dann ist es einfacher einen Sinn grundsätzlich auszuschließen (z.B. das alte Gegensatzpaar ‘Gläubige’ gegen ‘Ungläubige’, ‘Theisten’ versus ‘Atheisten’, ‘Optimist’ vs. ‘Pessimist’, …), überraschen lassen kann man sich ja immer noch.

 

(3) Es ist nicht leicht zu sehen, ob man diese Frage(n) nach dem Sinn überhaupt beantworten kann. Bei der Untersuchung der Frage, wie Wissen generell entstehen kann, wie Systeme generell lernen können, stellt man irgendwann nicht nur fest, wie ungeheuer schwierig die Entwicklung von Wissen ist, sondern dass es so etwas wie ein ‘Optimum’ nicht isoliert für ‘ein einziges’ System geben kann, sondern nur im Wechselspiel zwischen einem System und der ‘zugehörigen’ Umgebung. ‘In’ dieser bzw. ‘bezogen auf diese’ kann das Verhalten eines Systems und sein aktueller Zustand einen bestimmten ‘Wert’ haben; ohne diesen Zusammenhang ist nicht klar, wie man die ‘Werthaftigkeit’ eines Systems definieren soll. Ein ‘individuelles System an sich’ gibt es nicht. Alle bekannten Systeme — biologische wie technische — kommen immer nur vor als ‘Teil eines Ganzen’.

 

(4) Traditionelle Deutungssysteme (mythische, religiöse, philosophische,…?) fallen dadurch auf, dass sie versuchen, dem einzelnen Menschen einen Deutungszusammenhang anzubieten, der es ihnen erlaubt, trotz der Vielfalt der wechselnden Alltagsbilder ‘in Allem’ einen ‘Sinn für sich selbst’ erkennen zu können, der ’stabil’ ist gegen die Schwankungen des Alltags.

 

(5) Stellt man solche traditionellen Deutungsstrategien in Frage, kann man aus Sicht der ‘Anhänger’ dieser Deutungsstrategien sehr schnell als ‘Bedrohung’ angesehen werden, nicht nur als Bedroher des gedeuteten Sinns sondern dann auch als Bedroher des eigenen Lebens, das durch diesen ‘gedeuteten Sinn’ einen ‘abgeleiteten Sinn’ hat/hatte, der durch die Infragestellung der Deutung womöglich abhanden kommt. Letztlich ist es egal welche Deutungsstrategie man in Frage stellt (religiöse, philosophische, esoterische, ad-hoc Alltagsmythologien, Verschwörungstheorien,….), entscheidend ist, dass man durch die Infragestellung bei den jeweiligen ‘Anhängern’ (’Gläubigen’) den Eindruck erweckt, man greife mit der Deutung auch den gedeuteten Sinn selbst an, und damit zentrale ‘Gegenstände’ des subjektiven Denkens, das sich ‘in’ diesen ‘geglaubten’ Gegenständen eine Weltsicht ‘gebaut’ hat, die ‘Heimat’, ‘Sinn’ und persönlichen ‘Wert’ (für viele Geschäftemacher aber auch konkrete Einkünfte) verspricht.

 

(6) Die ‘Stabilisierung des Alltags’ durch Ausdeutung eines Sinns kann man negativ als ‘Immunisierung’ verstehen, als Versuch der ‘Abschottung’ vor den ‘Tiefen’ und ‘Unwägbarkeiten’ des realen Lebens. Doch letztlich partizipiert diese Tendenz der ‘Stabilisierung durch Deutung’ von der allgemeinen Natur des Wissens, in einem anfänglichen ‘Meer von isolierten Zufälligkeiten’ schrittweise ‘Muster’ und ‘Zusammenhänge’ erkennen zu können, die sich mehr und mehr zu komplexen Strukturen, Modellen, Theorien formen können. D.h. es ist die Eigenart unserer biologisch bedingten Wissensmaschinerie, die uns dazu anleitet/ führt/ zwingt, im Strom der Zufälligkeiten Nicht-Zufälliges aufzuspüren und dieses dann — wie Steine im fließenden Bach — als ‘Sprungstellen’ zu benutzen, um ‘in allem Nicht-Sinn’ dann doch Umrisse eines möglichen ‘Sinns’ erkennen zu können.

 

(7) Streng genommen sind selbst die radikalsten wissenschaftlichen Modell bzw. Theoriebildungen Formen von ‘Sinngebung’. Im Unterschied zu den vielfältigen Formen ‘alltäglicher Deutungen’ mit Tendenz zur Abschottung, zur Immunisierung (die Andersgläubigen, die Ausländer, die Nachbarn, die Polizei, die Politiker, die Banker, die Proleten, die Versager, die Karrieristen, …) bieten wissenschaftliche Deutungsmodelle zumindest prinzipiell eine Transparenz für alle Daten und Methoden, die benutzt werden, um eine bestimmte Deutung aufrecht zu erhalten. Je komplexer wissenschaftliche Deutungen werden, je mehr persönliche Eitelkeiten von Forschern sich mit der Geltung einer bestimmten Deutung verknüpfen, je mehr finanzielle Einkünfte und politische Macht sich mit einer bestimmten Deutung gewinnen lassen, um so eher steht natürlich auch eine sogenannte wissenschaftliche Deutung in Gefahr, sich ‘unwissenschaftlich zu stabilisieren’, sich zu ‘immunisieren’, da der Verlust der Deutungshoheit einhergehen würde mit dem Verlust von vielen sekundären Vorteilen, die direkt nichts mit Wahrheit zu tun haben.

 

(8) Es gibt also eine eingebaute Tendenz der biologischen ‘Wissensmaschinerie’ nicht nur überhaupt Deutungen zu generieren, sondern den Inhalt dieser Deutungen als das zu nehmen, was die erfahrbare flüchtige Welt ‘eigentlich’ ist. Während wir alle von Geburt an automatisch Teil dieses ‘Deutungsgeschehens’ sind, ist es nicht auch automatisch der Fall, dass wir uns dieses ‘vorprogrammierten Deutungsspiels’ ‘bewusst’ werden. In der ‘Simulation von Welt’ ‘in unserem Kopf’ ist das biologische Gehirn so meisterhaft, dass viele Menschen bis zu ihrem Tode niemals gemerkt haben, dass die Welt, die sie ‘zu sehen meinten’, garnicht die Welt ist, die real ausserhalb des Gehirns existiert, sondern ‘nur’ die Welt, wie sie das Gehirn kontinuierlich aufgrund der ihm verfügbaren ‘Signale’ ‘zusammenbaute’. Aufgrund von vielen hundert Millionen Jahren ‘Entwicklungszeit’ hat das Gehirn darin eine ‘Meisterschaft’ erlangt, die uns die Möglichkeit bietet, auch ohne spezielles bewusstes Wollen Strukturen in der uns umgebenden Welt erkennen zu können, die wir in unserer Bewusstheit noch nie gedacht hatten. M.a.W. unser Gehirn ‘erzählt’ uns kontinuierlich eine Geschichte von Welt, die ein hohes Mass an Plausibilität besitzt, aber dennoch nur eine bestimmte (begrenzte) Deutung aufgrund spezieller Annahmen ist.

 

(9) Der seit Jahrtausenden anhaltende Versuch von Menschen, der automatischen Erkennungsleistung des Gehirns explizit konstruierte zusätzliche Deutungsmodelle an die Seite zu stellen, stellt eine außerordentliche Leistung dar, ist aber aufgrund der unausweichlichen Komplexität des Geschehens auf Schritt und Tritt anfällig für Fehler und Fehldeutungen. Es ist die Aufgabe der vielfältigen wissenschaftlichen (und auch philosophischen) Disziplinen, das gesamtgesellschaftliche Deutungsgeschehen kontinuierlich zu verbessern.

 

(10) Sofern ein Deutungsgeschehen — in welche Form auch immer — bestimmte Deutungsinhalte ’sichtbar’ macht, die als ’sinngebend’ verstanden/ erlebt werden, geschieht dies niemals ohne einen Bezug zu ‘vorgegebener Welt’, es sei denn, die Deutungsinhalte sind ‘reine gedankliche Konstruktionen’, ‘Fantasiegebilde’, ‘gedankliche Spielereien’, ‘gedankliche Erfindungen’ und damit ‘beliebig’, ‘wertlos’. ‘Wertvolle’ Deutungsinhalte entstammen letztlich immer einer ‘Begegnung’ des erkennenden Systems mit einem ‘Anderen’, das im erkennenden System eine Art ‘Echo’/ ‘Widerhall’/ ‘Erschütterung’ … erzeugt. In diesem fundamentalen Sinn sind ‘wertvolle Deutungsinhalte’ ‘wahr’, weil es das, ‘wovon’/ ‘worüber’ sie handeln, unabhängig vom Deutungsmedium in irgendeiner Form ‘tatsächlich gibt’. Wenn jemand also ‘unwahre’ Deutungen kritisiert, dann gefährdet er den Deutungsinhalt wesentlich. Im Falle von ‘wahren’ Deutungen ist dies nicht so; durch die Kritik am deutenden Modell, am Deutungsmedium, am Deutungsgeschehen wird die wahr Ursache der Deutung nicht beseitigt. Im Gegenteil, ein — vernünftig geführter — ‘Deutungsstreit’ trägt meistens dazu bei, ‘die zu deutende Sache’ als Anlass einer Deutung weiter zu klären. Angesichts der Unzulänglichkeiten der biologischen Wissensprozesse sind Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte keine lange Zeit, letztlich ‘evolutionäre Augenblicke’. Wahre (!) Wahrheit verschwindet also nicht durch die Kritik an ihrer Deutung; sie kann allerdings für eine gewisse Zeit ‘verdeckt’ bleiben. Falsche (!) Wahrheiten können ebenfalls Jahrhunderte — oder gar Jahrtausende — überdauern, wenn die Menschen nicht bemerken, dass diese Deutungen letztlich nicht der Welt entsprechen, wie sie außerhalb ihres Denkens ist, sondern nur als Konstruktion in ihrem Kopf.

 

(11) Entsprechend der Volksweisheit ‘Aus Nichts kommt nichts’ haben wir in der modernen Logik gelernt, dass man nur etwas beweisen kann, was man zuvor angenommen hat; die Physiker belehren uns über den Energieerhaltungssatz, der anders formuliert besagt, dass ich aus einem System nicht mehr Energie herausbekommen kann, als sowieso schon drin steckt. Im Bereich Wissen gilt letztlich etwas Analoges: ich kann nur wissen, was es schon gibt. In dem heute bekannten Kosmos haben wir — bezogen auf die Verteilung von Energie — noch ‘lokale Ungleichheiten’. Diese ermöglichen die Entstehung von biologischen Systemen, die lokal Energie ansammeln und in dieser zeitlich begrenzten Energieakkumulationen Strukturen möglich machen, die partiell ‘unwahrscheinlich’ sind und damit ‘Informationen’ darstellen, die wir als ‘Wissen’ erleben: Strukturen, die uns im Fluss von ‘Zufälligkeiten’ als ‘Häufigkeiten’ auffallen, die wir ’speichern’ können, und die wir im Kontext des ‘Fortgangs’ weiter ‘bewerten’ können. Durch solche bewertbaren speicherbaren Häufigkeiten akkumulieren Energieungleichheiten als Wissen, das in der Tat leztlich ‘nur’ ein Echo dessen darstellt, was uns Erkennenden ‘widerfährt’!!! In der Form des erfahrungsbasierten Wissens akkumulieren sich Aspekte des kontinuierlichen Weltgeschehens in verstehtigten Augenblicken, durch die etwas ’sichtbar’ werden kann, was als Weltgeschehen kontinuierlich ‘abläuft’, ohne dass der Ablauf als solcher ‘um sich weiß’. Aber biologische Systeme als Teil dieses kosmischen Ablaufs können im Ablauf Aspekte des Ablaufs ‘akkumulieren’, diese dadurch ‘füreinander sichtbar’ machen, und in diesem ‘Füreinander-Sichtbarmachen’ die Umrisse eines ‘wachsenden Sinnes’ sichtbar machen, der etwas über das ‘Innere’ des Kosmos erzählt, über seine ‘mögliche Seele’, über den möglichen ‘Weltgeist’ (der selbst möglicherweise keine biologische Strukturen benötigt, um zu ‘wissen’; biologische Systeme sind spezielle Konstellationen innerhalb der materiellen Makrostrukturen).

 

(12) Wenn es also ‘für uns Menschen’ einen Sinn gibt, dann nur, weil es diesen Sinn schon immer unabhängig von uns gibt und nur in dem Modus, dass wir diesen potentiellen wahren Sinn in einem gemeinsamen Deutungsgeschehen über Jahrhunderte, Jahrtausende… schrittweise aufdecken. Dass die zeitliche und körperliche Begrenztheit unseres biologischen Lebens diesen globalen Sinnzusammenhang nicht in Frage stellen können, ergibt ich daraus von selbst. Sinnlosigkeit besteht dann nur solange, als der einzelne sich nicht als Teil des größeren Sinnzusammenhanges verstehen und erleben kann. … was einfacher klingt als es real getan ist…..

MENSCHENBILD IM WANDEL

Vortrag am 24.Nov.2010 im Rahmen des gesellschaftspolitischen Forums ‘Bad Nauheimer Gespräche e.V’ in Fankfurt am Main

Kurzfassung

Einleitungsmusik

  1. Das Thema führt weit über die üblichen Fachgrenzen hinaus. Dies setzt den Vortragenden allerlei Risiken aus, die ihn zum ‘Narren’ machen können (Zitat E.Schrödinger, 1944). Aber die Sache verlangt dies. Ohne Risiko gibt es keine neuen Erkenntnisse.

  2. Vor seiner Zeit als Informatiker hatte der Vortragende eine intensive Zeit von mehr al 20 Jahren als engagierter Theologe, Jugendsozialarbeiter und Philosoph. In dieser Zeit lernte er die jüdisch-christliche Position von den schriftlichen und praktischen Grundlagen her sehr intensiv kennen. Dies umschloss eine grundsätzliche Gegenüberstellung zwischen dem impliziten Weltbild der Naturwissenschaften und der Technologie gegenüber den theologisch geisteswissenschaftlich orientierten Weltbildern.

  3. Im Versuch , die Grenzen des naturwissenschaftlich-technologischen Weltbildes aufzudecken – und bei gleichzeitig anhaltender intensiver Auseinandersetzung mit der jüdisch-christlichen Tradition – lernte er aber langsam, dass die Grenzen sehr wohl auch auf Seiten des jüdisch-christlichen Weltbildes liegen und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse demgegenüber eine neue Perspektive öffnen, die alte Grenzen sprengen und neue zukunftsweisende Dimensionen öffnen können, wenn man sie entsprechend nutzt.

  4. In einer kurzen Skizze des Alltagsdenkens machte der Vortragende darauf aufmerksam, dass all unser Wissen von der Welt um uns herum nicht ‘direkt’ diese Welt widerspiegelt, sondern eine Leistung unseres Gehirns ist, das beständig die vielen Millionen sensorischen Signale von der Umgebung des Körpers wie auch aus dem Innern des Körpers in ein räumliches Gesamtbild transformiert, das für das Verhalten in der Umgebung in den meisten Fällen ‘ganz gut funktioniert’. In vielen Alltagssituationen, durch zahllose psychologische Experimente wie auch –siehe später – durch die neuen Erkenntnisse der Physik kann man zeigen, dass dieses vom Gehirn erzeugte ‘Bild’ von der Welt vielfach ungenau oder gar falsch ist. Nichtsdestotrotz ist diese Leistung des Gehirns unglaublich und nur verständlich vor der sehr, sehr langen Genese des heutigen Gehirns in den heutigen Körpern.

  5. Es folgte dann ein kursorischer Überblick über die Entwicklung des Lebens seit dem Beginn des messbaren Universums vor ca. -13.6 Milliarden Jahren. Anhand von vier Schaubildern konnte man wie im Zeitraffer sehen, welche ungeheuren ‘Vorleistungen’ erbracht werden mussten, bis dann bei ca. -3.6 Milliarden Jahren die ersten Zellen auftraten, die dann in den letzten ca. 600 Millionen Jahren zur Besiedelung des Landes mit Pflanzen, Tieren und dann vor ca. 3 – 0,2 Mio Jahren auch mit menschenähnlichen Lebewesen und dann mit dem heute bekannten homo sapiens sapiens führten. Diese Geschichte ist randvoll mit Dramatik und zeigt, welcher Preis gezahlt werden mußte, damit es uns Menschen so, wie wir uns heute kennen, überhaupt geben konnte. Nach den Prognosen der Physik wird in ca. 1 Milliarde Jahre die Sonne die Erde verglühen lassen. Gemessen an der zurückliegenden Zeit bleibt also nur noch eine verhältnismäßig kurze Zeit, bis das Leben auf der Erde für diese neue totale Herausforderung eine Lösung gefunden hat (falls es sie gibt; grundsätzlich natürlich ja).

  6. Eine tiefreichende Einsicht der modernen Physik ist die Einsicht, dass all das, was wir als ‘Materie’, ‘Substanz’, ‘Stoffe’ kennen nichts anderes ist als eine Zustandsform von Energie. Mit Hilfe der modernen Teilchenbeschleuniger kann man zeigen, wie sich jede Substanz (Materie, Stoff) in jede andere Substanz verwandeln läßt, wenn man genügend viel Energie zuführt. Einsteins Formel ‘E=mc²’ stellt den Zusammenhang zwischen Energie ‘E’ und Masse ‘m’ über die Lichtgeschwindigkeit ‘c’ direkt dar. Von daher ist auch verständlich, dass das heute bekannte messbare Universum, das mit einem ‘Energieausbruch’ unvorstellbaren Ausmaßes begann, dann durch Abkühlung quasi zu ‘Strukturen erstarrte’ indem aus der Energie ‘heraus’ atomare Strukturen sichtbar wurden, die sich zu Galaxien, Sterne und Planeten formten.

  7. Eine weitere tiefreichende Einsicht ist die Erkenntnis der Thermodynamik, dass alle energetisch bedingten Bindungen dazu tendieren, sich abzubauen und damit die Freiheitsgrade der beteiligten Elemente (Atome) zu vergrößern. Die Physikern haben zur Bezeichnung des Grades an Freiheit den Parameter ‘Entropie’ eingeführt und gehen davon aus, dass der Parameter Entropie tendenziell zunimmt, da der Prozess der Auflösung von energetisch bedingten Bindungen irreversibel erscheint.

  8. Vor diesem Hintergrund nimmt sich das Phänomen des ‘Lebens’ ‘fremdartig aus: alle heute bekannten Lebensformen basieren auf molekularen Strukturen, die als DNA (und weitere) bekannt sind (die genaue Entstehung solcher Moleküle ist bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt!). Das Erstaunliche an diesen Molekülen ist, dass sie als Informationsträger funktionieren, die komplexe Kopier- und Produktionsprozesse steuern können, die dann zur Ausbildung von noch komplexeren Molekülstrukturen führen können, die als Zellen, Zellverbände, Organe, Pflanzen, Tieren und dann auch als Menschen prozeßhaft über einige Zeit existieren können. Abgesehen von der mittlerweile irrwitzigen Komplexität dieser Strukturen (allein das menschliche Gehirn hat schätzungsweise mehr als 100 Milliarden Zellen!) ist wichtig, dass diese Strukturen nur existieren können, weil sie kontinuierlich lokal Energie aus der Umgebung aufnehmen und zum Aufbauen lokaler energetischer Bindungen nutzen. Dieses Verhalten der Lebensformen steht dem entropischen Charakter des gesamten physikalisch bekannten restlichen Universums diametral entgegen. Sowohl Erwin Schrödinger in seinem Buch ‘What is Life’ von 1944 sowie Werner Heisenberg in seinem Buch ‘Physics and Philosophy’ von 1958 stellen dieses Paradox explizit heraus und geben zu, dass die moderne Physik zu diesem Paradox nicht einmal ansatzweise eine Antwort besitzt.

  9. Nachdem sich also die scheinbare Vielfalt der Materie auf Energie zurückführen lässt, wird der Begriff der Energie zu neuen ‘Supermaterie’, die – wie Heisenberg anmerkt – dem Potenzbegriff bei Aristoteles nahe kommt. Die Energie, so, wie sie heute von der Physik ‘enttarnt’ wurde, enthält alle Eigenschaften und Strukturen, die bislang über unsere Welt bekannt geworden sind. Natürlich stellt sich damit die Frage, ob die jahrtausende lange Gegenübersetzung von ‘Geist’ und ‘Materie’ nicht auch obsolet geworden ist. Einerseits war diese Gegenübersetzung gespeist von der schieren Unkenntnis über die ‘wahre Natur’ der Materie und auch durch eine weitreichende Unkenntnis über die Eigenschaften des menschlichen (bzw. auch des tierischen) ‘Geistes’. Ob der erlebbare ‘Geist’ dann letztlich auch nur eine der vielen Eigenschaften der Energie ist, folgt aus all den bekannten Tatsachen natürlich noch nicht unmittelbar.

  10. Hier kann eventuell die Entwicklung der modernen Gehirnforschung in Verbindung mit der Computerwissenschaft (Informatik) weitere interessante Hinweise liefern.

  11. Von der Gehirnforschung wissen wir, dass ein Neuron – bei aller Komplexität des molekularen und chemischen Aufbaus – letztlich an seinem Ausgang, dem Axonhügel, genau nur zwei Zustände kennt: Potential oder nicht Potential, Signal oder nicht Signal, An oder aus, 1 oder 0. Das Gleiche gilt für die Vielzahl der möglichen postsynaptischen Membranen als Gegenüber zu den Endstücken der anderen Neuronen, die ihre Axone zu den Neuronen senden: auch diese repräsentieren trotz all ihrer molekularen und chemischen Komplexität letztlich nur nur einen An- und Aus-Schalter, Signal an, Signal aus, 1 oder 0. Zudem ist ein Neuron auf molekularer Ebene eindeutig diskret.

  12. Bedenkt man, dass der Grundbegriff der modernen Berechenbarkeit, der letztlich auf Goedel (1931) und Turing (1936/7) zurückgeht, mit dem mathematischen Konzept der Turingmaschine einen Referenzmaßstab für Berechenbarkeit schlechthin gefunden hat, und deine Turingmaschine jedes beliebige Gehirn, sofern es binär schaltet und sich bis zu einem gewissen Grade strukturell während seiner Lebenszeit ‘umorganisieren’ kann (Wachstum, Plastizität), prinzipiell vollständig auf einer Turingmaschine simulieren lässt – vorausgesetzt, es gibt Menschen, die verstehen das Gehirn gut genug, um eine Beschreibung des Gehirns anfertigen zu können, die dann in eine Turingmaschine ‘gefüttert’ wird –, dann kann man dies als einen weiteren ‘Hinweis’ dahingehend deuten, dass sich die ‘geistigen’ Eigenschaften eines Gehirns mit beliebigen materiellen Strukturen simulieren lassen (das mathematische Konzept einer Turingmaschine lässt sich sowohl mechanisch wie elektronisch wie auch chemisch realisieren – oder noch ganz anders).

  13. Am Beispiel eines Experimentes mit einem selbst lernenden System, das aufgrund eigener Bedürfnisse ohne ‘Lehrer’ lernen kann, illustrierte der Vortragende dann, wie man mit einfachen mathematischen Mitteln sehr komplexe Prozesse beschreiben und dann auch realisieren kann.

  14. Es gab dann noch eine angeregte Diskussion, in der u.a. gefragt wurde, (i) was dies für die verbleiben de ‘Restzeit’ der Erde bedeuten würde; (ii) welche Konsequenzen dieses Bild für die Ethik hat, (iii) worin denn nun die Hilfe der Informatik für die Menschen besteht, (iv) ob damit denn der ‘Geist’ vollständig ‘wegreduziert’ sei. Die verfügbare Zeit reichte nicht aus, diese komplexen Fragen angemessen zu Ende zu diskutieren.

Überleitungsmusik Vortrag zu Diskussion

EXPERIMENTELLE HÖRBUCHFASSUNG

Der Beginner einer experimentellen Hörbuchfassung zu dem Vortrag findet sich hier: Teil 1-3 (4ff kommt noch)

MENSCHENBILD IM WANDEL - Vortrag 24.Nov.2011

In Ergänzung zu diesem Block findet ein öffentlicher Vortrag statt:

Vortragsankündigung

GOTT MISSBRAUCHEN

(1) Insofern es ‘Gott’ als ‘Erstes’, ‘Höchstes’, ‘Lebenswertestes’ usw. gibt, ist die Art und Weise, wie Menschen über dieses ‘Erste’, ‘Höchste’ usw. reden, nicht ganz egal. Es ist eine reale Möglichkeit, dass Menschen über ‘Gott’ in einer Art und Weise reden, die die Sache ‘Gottes’  ‘falsch’ darstellt. Es ist eine reale Möglichkeit, dass Menschen ihre individuellen Bilder  und Interessen haben, die NICHT die Sache Gottes sind, und dass diese Menschen etwas ganz und gar Falsches und Schlechtes als die Sache Gottes vorgeben.

(2) Insofern ‘Gott’ der ‘Schöpfer’ von allem ist, kann man das ‘Ganze’, zu dem zwangsläufig auch das Universum gehört, nicht gegen Gott ausspielen! Wer sich für den REALEN Gott interessiert, der muss sich auch für das REALE Universum interessieren. Das Wissen um das Universum, das Wissen um die REALE Welt, kann in keiner Weise gegen Gott gerichtet sein, sondern ist ein solches Wissen, das das ‘wahre Wesen’ Gottes in diesem Bereich (der möglicherweise nur ein Teil ist) ‘enthüllt’.

(3) Wer ‘Gott’ suchen will, muss sich davor hüten, den ‘falschen’ Bildern hinterher zu laufen, muss sich vor den ‘falschen’ (natürlicherweise ’selbsternannten’) Propheten hüten. Nur weil einer behauptet, ‘über Gott’ zu sprechen, muss er nicht wirklich ‘im Namen Gottes’ sprechen; nur weil jemand besonders ‘laut’ und ‘radikal’ auftritt, ist er nicht automatisch ein ‘wahrer’ Verkünder. Salbungsvolle Worte, das Drücken auf die Tränendrüsen, stimmungsvolle Inszenierungen, das Einfordern von Hab und Gut, die Einschränkungen von persönlichen Freiheiten, das Verbieten anderer Denkweisen, der Appell an eine formale Autorität, das Schlecht-Reden anderer Menschen, all dies sind Gegebenheiten, die mehr als nur besondere Aufmerksamkeit fordern.

(4) Natürlich kann es passieren, dass Menschen ‘über Gott’ sprechen und diese sind subjektiv sogar der Meinung, dass das, was sie sagen, auch ‘wirklich wahr’ sei (obwohl es tatsächlich falsch ist). Dies ist ein schwieriger Fall. Woran können diese Menschen ‘erkennen’, dass ihr ‘Bild von Gott’ falsch ist? Sind Sie sich selbst bewusst, dass Sie sich selbst ‘irren’ können?

(5) Wir als Menschen sind zwar einerseits ein unauflöslicher Teil des umspannenden Phänomen des Lebens auf dem Planeten Erde, wir weisen aber auch die Besonderheit auf, dass unsere Körper ein Gehirn besitzen, das uns in die Lage versetzt, kontinuierlich (und ‘vollautomatisch’) ‘Bilder’ von uns selbst und der umgebenden Welt zu haben. Diese Bilder –soviel wissen wir heute– sind nicht die Welt selbst, sondern –wie das Wort schon sagt– sind ‘Bilder’, ‘Konstruktionen’ unseres Gehirns auf der Basis der Ereignisse, die unsere Sinnesorgane von den Ereignissen ‘außerhalb’   und ‘innerhalb’ unseres eigenen Körpers liefern. Für einfache Verhaltensweisen (wie z.B. sich richtig bewegen) sind diese Bilder ausreichend geeignet. Für kompliziertere Sachverhalte sind diese Bilder schnell ‘unscharf’, ‘missverständlich’, ‘falsch’.  Wer ernsthaft daran interessiert ist, dass diese seine eigenen Bilder von der Welt (und sich selbst) möglichst wenig ‘falsch’ sind, ist herausgefordert, sich darum zu kümmern, wie er sich selbst vor der ‘Falschheit seiner eigenen Bilder’ ’schützt’.

(6) Die grundlegende Herausforderung besteht darin, dass jeder die ‘automatisch erstellten Bilder’ ‘in seinem eigenen Kopf’ auf auch für andere nachvollziebare, transparente Weise mit den Gegebenheiten seines eigenen Körpers und den Gegebenheiten außerhalb seines Körpers  ‘vergleicht’. In manchen Fällen ist dies einfach (z.B. bei der Frage, ob das Geld für alle eingekauften Lebensmittel ausreichend ist), in anderen Fällen kann dies beliebig schwierig werden (dreht sich die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde; ist das Elektron eine Welle oder ein Teilchen….). Von daher ist es vielleicht kein Zufall, dass sich das, was wir neuzeitliche Wissenschaft nennen, erst mit dem Jahrhundert Galileis so langsam zu entwickeln begann und es mehrere hundert Jahre gebraucht hat, bis die sogenannten Methoden der empirischen Wissenschaften ansatzweise ‘global’ bekannt sind und auch angewendet werden. Dass aber selbst mehr als 400 Jahre nach Galilei  mindestens die Hälfte aller Menschen diese Methoden immer noch nicht wirklich kennt und verstanden hat und diese sogar als ‘Bedrohung’ der eigenen Bilder von der ‘Welt’ und von ‘Gott’ empfindet, zeigt, wie schwer wir Menschen uns tun, die Besonderheiten unseres menschlichen Wissens soweit zu verstehen, dass wir verstehen, warum und wie unser aktuelles Wissen immerwährend gefährdet und vom Ansatz her eher falsch als richtig ist (und zwar gerade da und dort, wo es ‘interessant’ wird).

(7) Dass jemand ‘falsche’ Bilder in seinem Kopf mit sich herum trägt ist von daher wahrscheinlicher als dass er ‘richtige’ Bilder hat. Den ‘wahrheitsliebenden’ Menschen (Philosoph = philos, sophia = Freund der Weisheit) kann man vor diesem Hintergrund daran erkennen, dass er um seine grundsätzliche und andauernde ‘Bedrohung’ durch ‘falsche’ Bilder weiß und er grundsätzlich offen dafür ist, sich von anderen ‘Rat’ zu holen, sich mit anderen abzustimmen, seinen Wissen immer und immer wieder neu bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu überprüfen. Ein wahrer Philosoph würde NIEMALS behaupten, er sei im Besitz der Wahrheit!!!, weil er weiß, dass ‘wahre Wahrheit ein kontinuierlicher Prozess der Annäherung der subjektiven Bilder an die Gegebenheiten jenseits des Gehirns ist, und dieser Prozess ist solange unvollendet, als wir Erkenntnissuchende in diesem konkreten Körper mit diesem konkreten Gehirn sind.

(8) Solange Menschen um diese ihre ‘ihnen innewohnende’ Unvollkommenheit wissen, sich aber gegenseitig wert schätzen und sich wechselseitig helfen, die individuellen Unvollkommenheiten durch gemeinsame Verständigung ‘auszugleichen’, sind Menschen zu erstaunlichen Erkenntnissen und darauf aufbauenden (komplexen) Handlungen fähig. Das Gebäude der neuzeitlichen Wissenschaft mit der damit verwobenen Technologie und vielfältigsten ökonomischen, sozialen, politischen, kulturellen und sonstigen Leistungen ist atemberaubend (insbesondere, wenn man dies auf einer Zeitachse betrachtet und sieht, wie viele tausende, zehntausende und gar hundert tausende Jahre nichts Vergleichbares stattgefunden hat). Verkennen wir Menschen  aber unsere individuellen Grenzen und Unvollkommenheiten, dann verfestigen sich Fehler, Unvollkommenheiten, Falschheiten, verstärken sich sogar und führend zwangsläufig zu falschen Bildern, nicht selten dann sogar zu Unheil.

(9) Die ‘Liebe zur Wahrheit’ (wahre Philosophie) verlangt also aufgrund der Art und Weise, wie wir Menschen ‘gebaut’ sind, dass wir nicht nur um unsere eingebauten Grenzen und Unvollkommenheiten wissen, sondern dass wir auch  mit diesen Grenzen und Unvollkommenheiten in der rechten Weise umgehen. Es gibt KEIN EINZIGES BILD (kein einziger Gedanke) in unserem Kopf, der einfach AUS SICH HERAUS ‘wahr’ ist. ALLE unsere Bilder (Gedanken) sind Konstruktionen unseres Gehirns, die letztlich (am besten mehrfach, und immer wieder) überprüft werden sollten. In diesem Zusammenhang führt ‘Selbstverliebtheit’, ‘Eitelkeit’, ‘Hochmut’ und dergleichen mehr direkt und unweigerlich in die ‘Nacht der falschen Bilder’.

(10) Es gab –und gibt– immer wieder Menschen, die an das ‘Wunder der direkten umfassenden Wahrheit’ glauben. Sie glauben (’Intuition’, ‘Genie’, ‘Offenbarung’,…), sie könnten den langen beschwerlichen Weg der Erkenntnis, bei dem jeder allen anderen ‘dient’ (und damit umgekehrt von allen anderen sehr viel bekommt) durch etwas ‘Wundersames’ umgehen; durch den ‘großen Trick’, durch das ‘Wunder schlechthin’, durch ‘Magie’, durch ‘Zauber’, usw. Dies alles scheint –nach heutigem Wissen–  falsch zu sein.

(11) ALLE Menschen sind ‘Blüten’ am ‘Baum’ des Lebens auf dem Planeten Erde, wo schon die materielle Struktur dieses Lebens das bisherige menschliche Begreifen überfordert und bislang nur Raum für grenzenloses Staunen und Wundern läßt. Das Durchdringen der erkennbaren materiellen Strukturen und ihrer atemberaubenden Dynamik von ’scheinbarer Planlosigkeit’ hin zu immer komplexeren Strukturen, die jeder mathematischen  ‘Zufälligkeit’  ‘zuwiderlaufen’, dieses ‘geistige Durchdringen’ in Richtung eines ‘tieferen’ und ‘umfassenderen’ Verstehens hat bislang kaum begonnen. Viele (die meisten?) Menschen sind noch so sehr mit den ‘alten’ und ‘falschen’ Bildern in ihrem Kopf beschäftigt, dass sie die atemberaubende Perspektive eines umfassenden Lebensprozesses noch nicht einmal ansatzweise wahrgenommen haben. Manche reden von ‘Gott’ als dem ‘Schöpfer’ von allem, haben sich aber noch nie mit der Schöpfung so beschäftigt, dass Sie zu ahnen beginnen könnten, wie ‘in’ und ‘hinter’ dem Allem die ewige Präsenz des wahren Schöpfers spürbar wird, der soweit all unseren kleinlichen und unvollkommenen Bilder des Lebens übersteigt, dass das Reden eines einzelnen Menschen über ‘den’ Schöpfer zwangsläufig zu einer Karikatur zu werden droht, die mehr ‘falsch’ als ‘wahr’ ist.

(12) Es gehört zum Geheimnis des Lebens, dass der einzelne angesichts des großen Ganzen wie ‘Nichts’ erscheint, dass aber das große Ganze ohne jeden einzelnen tatsächlich Nichts ist…..

(13) Ein weiteres Geheimnis ist, dass niemand gezwungen ist, die Wahrheit zu suchen (eine Form von ‘Freiheit zur Unwahrheit’…); ohne die Wahrheit kann das Leben auf dem Planeten Erde allerdings untergehen….

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