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Archiv der Kategorie Religiöse Erfahrung

Wahrheit im Alltag

(1) Wahrheit: Wenn man davon ausgeht, dass sich in, zwischen und durch den Phänomenen unseres Welterlebens (im Bewusstsein) Strukturen (Ontologien) erkennen lassen, die charakteristisch dafür sind, wie die ‘in den Phänomenen sich andeutende Welt’ ’sich verhält’, dann ist hier der Raum möglicher Wahrheit(en). Wahrheit liegt dann in den erkennbaren Strukturen von Welt, wie diese Welt sich verhält und annähernd in Sprache artikulieren lässt. Eine solche ‘in der Welt fundierte’ Wahrheit ist ‘vorgegeben’, sie ‘geht unserem Denken voraus’, das Denken findet statt ‘innerhalb’ dieser Strukturen, ohne dass allerdings das Denken diese Strukturen ‘automatisch’, ‘von selbst’ vollständig erkennen kann. Das primäre Medium des Denkens — das Bewusstsein samt dem dahinter angenommenen Gehirn in seinem Körper — hat zwar eine biologisch determinierte Arbeitsweise, die uns — vor allem Wollen und klarem Bewusstsein — das ganze biologische Leben hindurch auf eine körper-gehirn-bewusstseinsspezische Weise mit Strukturen dieser Welt ‘füttert’, doch wissen wir mittlerweile, dass diese ‘automatisch generierte (individuelle) Strukturen’ grundsätzlich idealisierend sind, partiell, abhängig von vielen Voraussetzungen. Insofern kann man sagen, dass sich Welt für uns zwar grundsätzlich ‘ereignet’, dass eine ‘wahre’ Erkenntnis aber sehr vieler koordinierter Bemühungen bedarf, die über den einzelnen grundsätzlich hinausgehen. Ein einzelner Mensch alleine kann niemals ‘wahre Erkenntnis’ im nennenswerten Umfang ‘vermehren’, selbst wenn er eine direkte ‘Inspiration durch das Göttliche’ empfangen würde (was sich alleine schon daraus ergibt, dass — wenn man überhaupt einen Schöpfer annimmt — die gesamte Welt Schöpfung ist, in der der einzelne einen sehr kleinen, winzigen (allerdings nicht den kleinsten, winzigsten) Moment ausmacht. ‘Wahre Erkenntnis’ hat per se mit der Erkenntnis der Struktur der gesamten Welt zu tun und das individuelle ‘unvernetzte’ Gehirn weiß davon ‘explizit’ so gut wie gar nichts (implizit spiegelt das Gehirn im Körper mit seinem Bewusstsein allerdings eine Teilwahrheit wider, die sich durch seine langwierige Entstehungsgeschichte ‘angesammelt’ hat).

 

(2) Medien: Da Bewusstseins-Gehirne nur durch kontinuierliche Vernetzung und entsprechendem Training ‘wahre Erkenntnisse’ vermehren können spielen die Medien als Schnittstellen zu Erkenntnissen eine wichtige Rolle. Wie man aber weiß — und täglich immer wieder neu belehrt wird — sind die Menschen, die Medien organisieren und mit ‘Inhalten versorgen (’füttern’…)’ nicht nur vom Interesse an ‘Wahrheit’ geleitet. Die Finanzierer von Medien wollen in der Regel nicht nur Geld mit ihnen verdienen, sie haben meist auch klare persönliche und/ oder politische Interessen, für die sie ihre Medienmaschine zu nutzen suchen. Dem entspricht komplementär, dass unterschiedliche Machtgruppen die Nähe zu diesen Medien suchen, um sie ihren Interessen möglichst ‘konform’ zu gestalten (aus Sicht der interessengesteuerten Machern verständlich und bis zu einem gewissen Grade sicher auch legitim). Wenn allerdings die interessengesteuerten Medien die Mehrheit zu bilden beginnen, wenn die Machtinteressen immer ungenierter werden, dann führen diese Medien im Alltag zu einer fortschreitenden ‘Verdunkelung’ und damit zur Vernichtung von Wahrheit. Medienereignisse erklären dann nicht, wie es ‘ist’ bzw. ‘werden wird’, sondern wie es bestimmte partikuläre Gruppen ‘haben wollen’. Demokratische Gesellschaften, die u.a. von einer ‘funktionierenden Öffentlichkeit’ leben, würden durch solche Prozesse fortschreitend ‘von innen her’ — sprich: von ihrem kollektiven Erkennen her — ausgehöhlt, geschwächt, und auf Dauer zerstört. Zwar unterscheiden sich demokratische Gesellschaften von nicht-demokratischen (cliquen- gesteuerten Diktaturen) dadurch, dass in cliquen-gesteuerten Diktaturen die Öffentlichkeit grundsätzlich nur von cliquen-genehmen Medien mit Informationen ‘beliefert’ wird, aber in Demokratien können wirtschaftlich starke — und mit diesen verbündete politische — Gruppierungen auf ganz ‘legale’ Weise Medien ‘unter ihre Kontrolle’ bringen und diese — wie in Diktaturen — zur Steuerung von gruppenspezifischen ‘Wahrheiten’ benutzen, um nicht zu sagen zu ‘missbrauchen’. Es gehört zur Verantwortung einer demokratischen Gesellschaft diese unterschiedlichen Strömungen durch geeignete Rahmenbedingungen so zu fördern, dass die ‘mediale Gehirnwäsche’ nicht zum alles dominierenden Thema wird.

 

(3) Banken: Ein Hauptzweck von Banken ist es, Geld (Kredite) dort zur Verfügung zu stellen, wo es gebraucht wird. In jeder lebendigen Wirtschaft sind es die aktiven Unternehmen, die beständig Geld benötigen, um ihre wachsenden Aktivitäten zwischen zu finanzieren. Darüber hinaus ist es der Staat selbst, der sich immer wieder Geld leiht, auch Privatleute. Solange dies alles funktioniert, gibt es eine Wirtschaft und einen Staat, der einen Raum bietet für vielerlei Aktivitäten, auch für die Arbeit an der Wahrheit (wenngleich die Arbeit an der Wahrheit normalerweise einen verschwindend kleinen Bruchteil der alltäglichen Aktivitäten darstellt). Zur Zeit erleben wir, dass Banken von den staatlichen Geldagenturen Geld nahezu geschenkt bekommen und es für sie attraktiver ist, mit diesem nahezu geschenktem Geld auf eigene Rechnung zu spekulieren, als es zu ungünstigeren und riskanteren Konditionen an die Wirtschaft oder an Private auszuleihen. Zudem dürfen Banken Geld vom Staat ohne Rücklagen weiter verleihen, während Kredite an nichtstaatliche Empfänger einen bestimmten Prozentsatz an Rückversicherung verlangen. Wieder ein Grund, Unternehmen und Privaten eher kein Geld zu leihen oder zu extrem ungünstigen Bedingungen. Die Finanzierung bankrotter Staaten rentiert sich hier für Banken mehr als die Vergabe von Geld an gesunde Firmen! Banken gelten zudem vielfach als ’systemrelevant’; aufgrund ihrer Größe herrscht die Meinung, dass man Banken nicht ‘untergehen’ lassen darf. Bankmanager müssen daher das Gefühl haben, sie sind ‘unsterblich’: was immer sie tun, selbst die größten Pleiten, all dies führt nicht zur Vernichtung ihres Unternehmens. Letztlich wird ‘der Staat’ einspringen, und damit die restliche Bevölkerung (die ‘Dummen’, die ‘normalen Steuerzahler’…)(Privater Gewinn und Vergesellschaftung des Verlustes). Und noch eines: Bankmanager sind keine Eigentümer sondern Angestellte zu Vorzugskonditionen: wenn Sie Fehler machen, leidet vielleicht das Unternehmen, sie selbst aber sind immer saniert und können anderweitig eine neue Position finden. Wie die Geschichte zeigt führt ein ungezügeltes Finanzsystem zyklisch zu Finanzkrisen, die ganze Volkswirtschaften und dann auch die Weltwirtschaft ‘nach unten’ ziehen können. Es ist eine offene Frage — wer hat das jemals schon untersucht? — ob die Chancen für die Erkenntnis von mehr wahren Strukturen in Krisenzeiten real steigen?

 

(4) Forschung: Allgemein gilt Forschung als jene Tätigkeit, die der ‘Vermehrung der Wahrheit’ am meisten dienlich sein soll. Im Idealfall gibt es Experten, die mindestens 20 — eher 25 - 30 — Jahre ‘Training’ hinter sich haben, die primär an Wahrheit interessiert sind, die in Netzwerken von Forschern kommunizieren (’Communities’), und die sich den ‘aktuellen’ Fragen der Wissenschaft stellen. Doch impliziert dieses Ideal eine Reihe von Voraussetzungen. (i) Es sollen nur solche Ergebnisse publiziert werden, die durch mindestens 3 -5 unabhängige Gutachter als ‘dem Stand der Forschung angemessen’ qualifiziert worden sind. Bei der heutigen Explosion der Fachzeitschriften bei gleichzeitiger fortschreitender Spezialisierung in Form einer mehr und mehr unüberschaubaren Zersplitterung wird es immer schwerer, eine vorliegende Arbeit adäquat zu begutachten, selbst bei bestem Willen der Gutachter (der nicht immer ohne weiteres unterstellt werden muss). (ii) Da der Bezug von Fachzeitschriften viel Geld kostet, die Bibliotheken aber nicht kontinuierlich mehr Geld bekommen, sondern eher weniger, nimmt der Anteil der Fachzeitschriften, der öffentlich zugänglich ist, kontinuierlich ab. Der Zugang zu ‘wissenschaftlichem Wissen’ als der ‘Lebensader’ von Wissenschaft, ist damit ernsthaft gefährdet. Vor diesem Hintergrund muss man die open-access Bewegung sehen, in der der Autor einmalig zahlt und die Leser einen freien Zugang haben. Aktuell erscheint dies als einzige erkennbare Lösung einer ernsthaften Krise. (iii) Forschung benötigt normalerweise Geld für Ressourcen (Mitarbeiter, Geräte, Materialien,…). Dieses Geld kommt von staatlichen Förderprogrammen oder von Unternehmen, die für die Bearbeitung eines Problems Geld zahlen. (iii.1) Die versuchten Einflußnahmen auf die Vergabe staatlicher Gelder ist verständlicherweise intensiv und andauernd. Aufgrund der Intransparenz des Gutachterwesens kann man hier vielerlei Einflussnahmen ‘hinter den Kulissen’ vermuten. Insiderinformationen bestätigen jedenfalls immer wieder, dass die politischen Interessen von speziellen Gruppen die Maschinerie der Gutachter nach Bedarf — oft schon weit im Vorfeld bei der Ausschreibung — so steuern kann, dass immer das gewünschte Ergebnis heraus kommt (Den Feldtest, 50% der Forschungsgelder streng nach dem Zufallsprinzip an ‘alle’ sich bewerbenden Forschergruppen ohne ‘verdeckte’ Gutachter zu verteilen und dann die Effizienz zu überprüfen, hat noch keiner gewagt, stattdessen praktizieren selbst demokratische Gesellschaft im Bereich Forschung eine Art ‘Planwirtschaft’, deren Effizienz nicht erwiesen ist). (iii.2) Geld von Unternehmen ist überwiegend an kurzfristigen Ergebnissen interessiert, um aktuelle Produkte und Technologien zu optimieren, solche, von denen man einen baldigen Markterfolg erwartet. Dies ist einerseits verständlich, hat aber zur Folge, dass die ‘wahren Produkte von Morgen’ damit gerade nicht entwickelt werden. Die wirklich interessanten Technologien und daran anknüpfenden Produkte haben Vorlaufzeiten von mindestens 10-15 Jahren, eher mehr. Ein Manager, der alle 3 Monate Erfolge melden muss, kann sich auf solche Perspektiven nicht einlassen. Dies hat zur Folge, dass viele Firmen aufgrund dieser künstlich erzeugten Kurzatmigkeit sich selbst ‘austrocknen’ und damit eine führende Position innerhalb von wenigen Jahren verlieren können (dann sind die entscheidenden Manager aber möglicherweise nicht mehr da oder werden mittels hoher Abfindung entlassen.). (iii.3) Eine Hochschulforschung, die mit kurzfristig orientierten Firmen zusammenarbeiten will (die viel gepriesene ‘Drittmittelforschung’), kann dies nur dann, wenn sie sich mehr oder weniger vollständig in einen firmenspezifischen Entwicklungsprozeß einbindet, und damit in das kurzatmige Programm einer Optimierung von Bekanntem. Damit verrät sie gerade das, wodurch sie für die Gesellschaft eigentlich so wertvoll ist: den qualifizierten unabhängigen Blick in die Zukunft. Gerade in diesem ‘Vorausgehen in die Zukunft’ wäre die Hochschulforschung wichtig für die Firmen eines Landes, aber genau das wird nicht gefördert, sondern eher die Zerstörung dieser Unabhängigkeit. (iii.4) Am Beispiel der Pharmaforschung wird noch ein anderes Problem deutlich: natürlich macht eine Pharmaforschung nur Sinn, wenn irgendwann auch tatsächlich ein reales Leiden gelindert werden kann. Vor die Wahl gestellt, ob man Medikamente entwickelt, die ‘lindern’ statt ‘heilen’ wird jedes Pharmaunternehmen, das nicht durch eine Konkurrenz unter Druck gesetzt wird, normalerweise das Modell ‘Lindern’ wählen und nicht ‘Heilen’. Mit ‘Lindern’ kann man kontinuierlich Geld verdienen, mit ‘Heilen’ möglicherweise nur kurzfristig. Aus Sicht der Menschen und der Gesellschaft, die ein Gesundheitssystem finanzieren muss, wäre ‘Heilung’ besser, aber der Staat baut in diesem Bereich nahezu keine eigenen unabhängige Forschungs-Ressourcen auf um dem gegen zu steuern. Es entsteht der Eindruck, dass die Politik lieber die Menschen leiden läßt und große Summen in die Versorgung mit sekundären Arzneimitteln steckt anstatt vorbeugend und grundlegend die primären Ursachen zu bekämpfen. (iv) Was ist also mit der ‘Wahrheit’ durch Forschung? Die Vielzahl der Faktoren, die ein ‘normales’ Forschern schwer machen — ich habe nicht alles aufgezählt — ist schon beachtlich. Gerade dort, wo die ‘Freiheit der Forschung’ am wichtigsten wäre, wird sie — so der vorherrschende Eindruck — mehr und mehr durch Planwirtschaft ersetzt. Jetzt mag man sich fragen, warum nicht mehr Forscher in der Öffentlichkeit protestieren. Dies mag damit zu tun haben, dass ein ‘wahrer’ Forscher jemand ist, der nur Forscher sein kann, weil er sich über viele, viele Jahre vom ‘Alltagsgeschehen’ bis zu einem gewissen Grade abkoppelt, um sich in komplexen Dickicht von Theorien, Methoden und Experimenten zurecht zu finden. Die Forscher, die im Laufe der Jahre aufgrund des Geldvergabesystems zu ‘Forschungsmanagern’ mutieren sind ab dem Moment keine Forscher mehr, wo sie sich hauptsächlich um ‘Geldbeschaffung’ kümmern müssen, um Kontakte pflegen, um Gremiensitzungen, usw. Sie werden mehr und mehr zu ‘Interessenvertretern’, die sich den Geldvergabemechanismen anpassen müssen, um Erfolg zu haben. Die Wahrheit wird damit tendenziell zur ‘Handelsware’ (Man denke z.B. nur an die anhaltenden Diskussionen um die Klimaforschung: ist das noch Wissenschaft oder ein ‘Politzirkus’, der um der vielen Gelder willen seine Schaustücke aufführt?) (v) Da wir alle von der Wahrheitsproduktion von Forschung abhängen, sollte es uns nicht egal sein, unter welchen Randbedingungen Forschung heute betrieben wird. Eine rundum ‘einfache’ Lösung wird es möglicherweise nie geben. Aber weniger ‘Planwirtschaft’ mit dem Risiko von Fehlern würde mehr dem ‘Geist’ jenes evolutionären Prozesses entsprechen, der uns allererst hervorgebracht, ohne Chefplaner, ohne ministeriellen Vorgaben, allerdings mit einem hohen Überlebensdruck. Im evolutionären Prozeß spielen ein paar zehntausend oder gar hunderttausend Jahre keine Rolle …. geschweige denn die 3 Monate eines erfolgsgetriebenen Managers…..

ZUR GRAMMATIK DES SINNS (1)

(1) In dem Blogeintrag “Wir  sind nicht Nichts” wird sichtbar, dass wir allein durch die Tatsache, dass wir aktuell leben,
an einem  Geschehen teilhaben, das dessen Tragweite und Tiefe alles übersteigt, was wir normalerweise denken und
 kommunizieren.

(2) Der mögliche ‘Sinn’ dieses Geschehens, also ein möglicher ‘Zusammenhang’ zwischen all den vielen ‘Aspekten’ dieses
geradezu kosmischen Prozesses, enthüllt sich für uns Menschen –wenn überhaupt– zunächst nur als individuelles Erleben
 und Verstehen, d.h. als Erleben und Verstehen in einem einzelnen Menschen. Dies heisst NICHT, dass das Erleben und
Verstehen eines einzelnen Menschen die ’sinnbegründenden’ Sachverhalte allererst ’schafft’, sondern nur, dass diese
 ’sinnbegründenden’ Sachverhalte in dem Moment des Erkennens in diesem jeweiligen Erkennen ‘bewusst’ werden. ‘Bewusst’
werden kann nur etwas, was schon ‘da’ ist und in seinem Dasein ’so wirksam’ ist, dass es ein ‘Bewusstwerden’ bewirken kann.

(3) Darüberhinaus kann ein Sachverhalt, der eine ‘Bewusstwerdung’ auslösen kann, diese Bewusstwerdung in mehr als einem
einzelnen Menschen zugleich auslösen; ein Sonnenaufgang (oder Untergang) kann von vielen Menschen ‘gleichzeitig’
wahrgenommen werden, wenn Sie sich ‘im Moment des Geschehens’ an einem ‘geeigneten Ort’ befinden.

(4) Schon diese wenigen Gedanken lassem nebenbei erkennen, dass sich Bewusstwerdung bei Menschen mit ‘Körperlichkeit’ paart: unser Erleben setzt eine irgenwie geartete Körperlichkeit voraus, dazu eine ‘Raumstruktur’, und eine ‘Gerichtetheit’ von Ereignissen als
‘Jetzt’ und ‘Vor dem Jetzt’ (’vorher’, ‘vergangen’ als ‘Erinnerbares’).

(5) Aufgrund unserer ‘Lebenserfahrung’ wissen wir,  wie ‘unterschiedlich’ einzelne Menschen das allgemeine Leben trotz
der vielen strukturellen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen erfahren können. Jeder ‘einzelne’ Mensch nimmt in der
Raumstruktur des Erlebens einen charakteristischen individuellen ‘Ort’ ein, von dem aus er die ‘umgebende Welt’ in
einer Weise erfährt, die sich absolut von der ‘Erlebnisspur’ eines anderen Menschen unterscheidet.

(6) Eine ‘individuelle Erlebnisspur’ enthält ‘externe’  und ‘interne’ Anteile: ‘extern’ insofern ‘etwas’ auf das
individuelle Erleben einwirkt, und ‘intern’, insofern diese Einwirkungen ‘Wirkungen hervorrufen’, die den einzelnen
Menschen in seinem ‘Erinnern’ und ‘Fühlen’ prägen.

(7) ‘Im’ Erleben des einzelnen Menschen ‘mischen’ sich die internen und externen Anteile kontinuierlich; je mehr
‘Erfahrung’ jemand hat, umso mehr beeinflussen die ‘vorhandenen’  internen Anteile die aktuell einwirkenden Anteile.
 Dies kann ‘hilfreich’ sein, wenn ‘bisherige Erfahrung’ das ‘aktuell Erlebte’ in ‘geeigneter’ Weise ‘einordnet’; dies
kann ‘hinderlich’ sein wenn die bisherigen Erfahrungen irgendwie ‘verzerrt’ sind und altuelles Erleben ‘falsch’
‘interpretiert’.

(8) Aufgrund unserer ‘Lebenserfahrung’ wissen wir ferner, dass es zwischen dem Erleben verschiedener einzelner Menschen
eine Art ‘Austausch’ durch ‘Kommunikation’ geben kann.

(9) Kommunikation besagt, dass verschiedene Menschen über ein ‘Zeichensystem’ (’Sprache’ L)verfügen, das in der Lage ist, Aspekte des individuellen Erlebens mittels ‘intersubjektivem (= externen) Zeichenmaterial’ so zu ‘repräsentieren’, dass ein individuelles Erleben A bestimmte Erlebnisse von A mit einer ‘Zeichenfolge’ Z so ‘enkodieren’ kann (enkodieren: A –> Z), dass ein anderes individuelles
Erleben B diese Zeichenfolge Z so ‘dekodieren’ kann (dekodieren: Z –> B), dass das Erleben in B eine ‘hinreichende Ähnlichkeit’ mit dem Erleben von A aufweist  SIMILARITY(Z(A),Z(B)).

(10)  Das grösste Problem in der zeichenbasierten (= ’sprachlichen’) Kommunikation ist die Herstellung dieser Ähnlichkeit SIMILARITY() sowie die ’subjektive Vergewisserung’, dass solch eine Ähnlichkeit in ‘hinreichendem Masse vorliegt.

(11) Da kein einzelner Mensch (unter ‘normalen’ Umständen),  in das Erleben eines anderen Menschen ‘direkt hineinschauen’ kann, kann sich kein einzelner Mensch so ohne weiteres ’sicher’ sein, dass der andere Mensch beim Gebrauch eines bestimmten Zeichenmaterials Z  (als Teil einer Sprache L) tatsächlich das ‘Gleiche’ ‘meint’ wie ‘er selbst’.

(12) Zu solch einer ‘Vergewisserung’ der ‘gemeinsamen Ähnlichkeit’ SIMILARITY() bedarf es ‘Formen von Interaktion’,
die ‘unabhängig’ von dem Zeicensystem (von der Sprache L) sind, die aber zugleich  geeignet sind, die ‘Vermutung einer Ähnlichkeit’ zu ‘unterstützen’. Dies berührt das Problem der ‘Entstehung von Sprache’: wie ist es möglich, dass Menschen neues Zeichenmaterial Z als Teil von L so ‘einführen’, dass sie ’sicher’ sein können, dass ‘alle Benutzer von L’ ‘das Gleiche’ ‘meinen’?

(13) Im Falle von ‘externen Ereignissen’, die ‘wiederholbar’ sind und die von allen Beteiligten ‘hinreichend ähnlich wahrgenommen werden können’, erscheint die Einführung einer ‘Verbindung’ von ‘erlebnisauslösendem Ereignis E’, ‘korrespondierendem Erleben Ph’ sowie ‘repräsentierendem Zeichen Z’ ansatzweise ‘nachvollziehbar’. Ein ‘Zeichen’ SYMB wäre dann diese komplexe Beziehung als ganzer, d.h. ein repräsentierendes Zeichen SYMB(E,Z,Ph) ist eine Beziehung zwischen E und Z und Ph, die als diese Beziehung ‘bewusst’ ist und als solche ‘erinnert’ werden kann (diese Überlegungen finden sich u.a. bei den grossen Semiotikern Charles S.Peirce und Charles Morris, aber auch schon bei früheren Philosphen der Scholastik und zumindest auch bei griechischen Philosophen).

(14) Man kann ahnen, dass die Realisierung eines solchen Zeichenbegriffs in der Praxis eine sehr komplexe ‘Maschinerie’ voraussetzt, dier hier vorläufig kein Thema sein soll (hier wären all die schönen Dinge einschlägig, die wir aus den Sprachwissenschaften kennen, der Psychologie, der Ethologie, den Neurowissenschaften, der Phonetik, der Anthropologie, der Automatentheorie usw.).

(15) Nehmen wir also an, dass Menschen in der Lage sind, repräsentierende Zeichen SYMB_i(E,Z,Ph) einzuführen, denen jeweils korrespondierende ‘erinnerbare interne Strukturen’ SYMB_i()_x entsprechen (’SYMB_i()_x’ wäre dann das repräsentierende Symbol i, das von dem Individuum x erinnert werden kann). Dann wäre ein Menschen A in der Lage, internes Erleben Ph, zu dem es ein erinnerbares repräsentierendes Symbol SYMB_i(_,Z,Ph)_A gibt, mittels eines kodierenden Zeichenmaterials Z zu ‘äussern’, und ein anderer Mensch B könnte mittels des Zeichenmaterials Z sein erinnerbares Zeichen SYMB_i(_,Z,Ph)_B ‘erinnern’. Er würde dann ‘annehmen’, dass das bei B durch Z induzierte Erleben Ph dem entspricht, was den A veranlasst hat, Z zu äussern.

(16) Schwieriger –bis unmöglich– wird es, wenn Menschen repräsentierende Zeichen für solches Erleben einführen wollen, dem keine direkten ‘intersubjektiven’ Ereignisse korrespondieren (was aber sehr umfangreich geschieht).

Zwischenergebnis 1:
(i) Individuelles Erleben ist möglich, weil es etwas dem Erleben Externes gibt, was dieses Erleben auslöst
(ii) Sofern die Einführung repräsentierender Zeichen gelingt, können Individuen Teile ihres Erlebens
durch solche Zeichen ‘kommunizieren’

(17) Was immer es an ’sinnrelevanten’ Zusammenhängen in dem für uns relevanten Teil des Kosmos geben mag, werden wir davon nur dann und nur soviel ‘erfahren’, insoweit diese Zusammenhänge unserem individuellen Erleben und unserer symbolischer Kommunikation  zugänglich werden. Sofern wir ein ‘Fehlen’ von Sinn in unserem Erleben und Kommunizieren konstatieren würden, würde dies zunächst nicht besagen, dass es keinen Sinn gibt, sondern nur, dass derjenige, der dieses Fehlen konstatiert, bislang nicht in der Lage war, sein Erleben  entsprechenden ’sinnstiftenden’ Sachverhalten in Berührung zu bringen.

(18) Ergänzend wäre anzumerken, dass der ‘Kontakt’ mit sinnstiftenden Sachverhalten sogar stattgefunden haben kann, dass aber die ‘Art und Weise’, wie dieses Erleben ‘kognitiv verarbeitet’ wurde, nicht in der Lage war, die  ’sinnrelevanten Anteile’ zu ‘erkennen’. Erkennen ist (man lese die entsprechenden Einträge im Blog) kein völlig automatischer immer gleichförmiger Prozess, sondern ein komplexes dynamisches Geschehen, das bei gleicher Wahrnehmungslage zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, je nachdem, ‘wie’ jemand ‘aktiv denkt’.

(19) Eine Feststellung, dass ‘Sinn’ für uns ‘nicht möglich’ sei, ist unter Voraussetzung dieser Erkenntislage für uns prinzipiell nicht möglich. Wir können entweder nur feststellen, dass wir ‘noch nicht’ in der Lage sind, einen Sinn explizit zu benennen oder eben, dass uns bestimmte Sachverhalte als für uns ’sinnvoll’ erscheinen.

(20) Hier wäre jetzt zu klären ob und wieweit wir ‘mögliche sinnvollen Sachverhalte’ konkret, beispielhaft  identifizieren  können.

Religion, Erfahrung, Deutung

Religion, Erfahrung, Deutung

(1) Ich werde oft gefragt, wie ich den Beitrag der Religionen zum Erkenntnisprozess sehe, da ich immerhin gut 22 Jahre lang als engagiertes Mitglied einer religiösen katholischen Lebensgemeinschaft gelebt habe. Diese Frage kann vermutlich kein einziger Mensch in vollem Umfang beantworten, da alle großen bekannten Religionen (z.B. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam) primär von einem bestimmten Erfahrungs- und Deutungshintergrund her zu verstehen sind und kein Mensch kann in seinem einzelnen Leben den ganzen Umfang und die Tiefe einer einzigen religiösen Tradition vollständig erfassen, geschweige denn mehr als eine oder gar alle.

(2) Wenn es also heute schon unmöglich ist, dass ein einzelner Mensch über eine dieser großen Religionen (und es gibt ja noch viele andere Erscheinungsformen) erschöpfend und autoritativ reden kann, dann folgt daraus umso mehr, dass das Reden über die ‘anderen’ religiösen Traditionen vom Ansatz her ‘respektvoll’ sein sollte. Denn die Gefahr, dass man der anderen religiösen Tradition aus schlichter Unwissenheit Unrecht tut, ist sehr groß, nahezu unvermeidlich.

(3) Diese ‘prinzipielle Fremdheit’  gilt auch für allerlei wissenschaftliche Annäherungen, selbst  für sogenannte (vergleichende) Religionswissenschaftler, da ein Wissenschaftler  per se als ‘Wissenschaftler’ normalerweise nicht selbst religiöse ‘Anhänger’ sein darf und schon von daher nur einen sehr distanzierten, gefilterten Zugang zum Phänomen hat. Genau das, was für eine ‘volle gelebte’ Zugehörigkeit zu einer Religion im Verständnis vieler Anhänger ’substantiell’ ist, nämlich die direkte persönliche existentielle (und daher primär subjektive) erfahrungsbezogene Verbundenheit zu einem ‘Glauben’ ist das, was sich einer objektivierenden Wissenschaft grundsätzlich entzieht. Dies gehört zur Definition neuzeitlicher Wissenschaft. Und das ‘Schließen’ von ‘empirisch beobachtbaren Tatbeständen’ (z.B. beobachtbarem Verhalten) auf ‘innere’ Strukturen und Motive’ des Verhaltens ist sehr problematisch. Dies zeigen viele prominente Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte (z.B. das Problem des psychologischen Behaviorismus bei dem Versuch, das Phänomen der menschlichen Sprache zufriedenstellend erklären zu können oder das Problem der Neurobiologie die subjektiven Erlebniszustände methodisch befriedigend mit sowohl beobachtbarem Verhalten wie auch subjektiv erlebbaren Zuständen zu korrelieren).

(4) Gilt diese ‘prinzipielle (methodische) Fremdheit’ vor allem für das ‘Außenverhältnis’ eines Menschen, der von ‘außen’ eine bestimmte religiöse Tradition und zugehöriger ‘Anhänger’ betrachten will, so gilt dies sogar –in unterschiedlichem Grad– für die Anhänger einer bestimmten religiösen Tradition selbst. Denn, wenn jemand z.B. im Jahr 2010 sagt, er sei ein ‘Christ’, dann konnotiert damit eine Geschichte von ca. 2000 Jahren mit einer einschlägigen Vorgeschichte von weiteren ca. 1000 oder 1500 Jahren und all den damit  verflochtenen kulturellen Tatbeständen. Allein die dokumentierten Zeugnisse aus diesem Zeitraum, die Teil dieser Tradition sind, umfasst unzählige schriftliche Dokumente und nichtschriftliche Artefakte, ganz zu schweigen von der gelebten Erfahrung, die nie oder nur partiell einen dokumentierten Niederschlag gefunden hat und nur in der gelebten Weitergabe existiert mit allen denkbaren Verformungen und auch Überlieferungsabbrüchen, die hier unvermeidlich sind.

(5) Würde eine ‘geschichtlich wirksame’ Religion sich nicht von reproduzierbaren Erfahrungen her immer wieder neu ‘justieren’, ‘ausrichten’, ‘orientieren’ können, sie wäre zwangsläufig nach ein paar Generationen entweder ausgelöscht oder zu formalen Ritualen erstarrt, denen jegliche ‘Personalität’, jegliche ‘Geistigkeit’  fehlt. Kann man diese reproduzierenden religionsermöglichenden Tatbestände aufweisen, dann kann jede Generation von neuem daran Orientierung und Ausrichtung suchen, die ins konkrete praktische Leben eingreifen können.

(6) Nach meinem Verständnis haben Religionen wie Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam hier eine strukturelle Gemeinsamkeit: (i) sie berufen sich alle auf bestimmte, historisch qualifizierte Texte, die (ii) auf je spezifische Weise Erfahrungen von Menschen zur Sprache bringen sollen. Ferner gehört zu diesen Erfahrungen bestimmter Menschen (die sogenannten ‘Gründer’), dass sich schon zu Lebzeiten des Gründers ‘Gefährten’, ‘Schüler’, ‘Anhänger’ gefunden haben, die das erfahrungsbasierte Weltverständnis des Gründers ‘auf ihre Weise’ ‘übernommen’ und ‘weitergelebt’ haben. Aufbauend auf diesen ersten Anhängern hat sich dann (iii) in der Regel eine ‘gelebte Tradition’ herausgebildet, die für sich in Anspruch nimmt, den ‘Geist des Gründers’ so gut ‘verstanden zu haben’, dass sie in der Lage und berechtigt waren (sind), den sprachlichen Niederschlag dieser Erfahrungen eigenständig und autoritativ zu ‘bewerten’. Mit zunehmendem historischen Abstand wurde dann aber (iv) unterschieden zwischen bestimmten ‘heiligen (kanonischen)’ Schriften, die als solche nicht mehr weiter verändert werden dürfen und solchen, die ’sekundär’ sind (was nicht heißt, dass sie in der religiösen Tradition eine fundamentale Rolle spielen können).

(7) Der entscheidende Punkt ist, dass die religiösen Traditionen ‘erfahrungsbasiert’ sind und alle Texte letztlich zu dem Punkt führen, dass bestimmte Menschen angeführt werden, die zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten bestimmte Dinge ‘erlebt’ und ‘im Lichte dieses Erlebens’  ‘erkannt’ haben. Ein klassisches Beispiel aus dem Bereich des Christentums ist die Person des Saulus/Paulus. Zunächst ein überzeugter jüdischer Gelehrter verfolgte er die neu sich formierenden ‘christlichen’ Anhänger. Durch ein ‘persönliches Erlebnis’ lange nach dem Tod Jesu kommt er zu einer persönlichen ‘Neuinterpretation’ seiner bisherigen Anschauungen und im Laufe von mehr als sieben Jahren ändert er seine Ansichten, ändert sein konkretes Leben und tritt plötzlich als ‘Anhänger des christlichen Glaubens’ auf. Zwar weisen viele seiner christlichen Interpretationen mehr oder weniger auch Elemente seiner jüdischen Tradition auf, aber in der Haupttendenz sieht er die ‘Welt’ und die ‘Geschichte’ nun in einem ‘neuen Licht’. Viele andere tausende dokumentierte Beispiele laufen scheinbar nach dem gleichen Muster. Die dem Paulus zugeschriebenen Texte fanden Eingang in den christlichen Kanon der ‘heiligen Schriften’ obgleich er selber weder Jesus persönlich gekannt hatte noch bzgl. seines persönlichen ‘Bekehrungserlebnisses’ von jemandem ‘belehrt’ worden ist. Interessant ist, dass die sich ausbildende  ‘Amtsstruktur’ in der katholischen Kirche solche ‘erfahrungsbasierten’ Autorisierungen sehr bald ausgeschlossen hat. Die Offenbarung wurde mit dem Tod Jesu als ‘abgeschlossen’ erklärt obgleich das Beispiel Saulus/Paulus (und nicht nur  er) dokumentiert, dass dies nicht der Fall ist.

(8) Nach meinem Kennntisstand spricht vieles dafür, dass die ‘Erfahrungsdimension’, die im Christentum (aber anscheinend auch in den anderen religiösen Traditionen) in all den ‘Überlieferungen’ ‘durchschimmert’ zu jeder Zeit für jeden  Menschen grundsätzlich ‘zugänglich’ bleibt. Diese Erfahrungsdimension scheint ein Teil unserer menschlichen Existenzform zu sein. Allem Anschein nach ist sie nicht an die historisch gewachsenen Überlieferungsstrukturen und den konkreten Gegebenheiten religiöser Gemeinschaften gebunden. Konkrete religiöse Gemeinschaften können dem einzelnen zwar u.U. helfen, sich bestimmten Erfahrungsdimensionen des menschlichen Lebens zuzuwenden bzw. zu ‘lernen’, wie eine solche Zuwendung und eine erfahrungsbasierte Lebensführung aussehen könnte/ sollte, aber keine religiöse Tradition kann von sich aus garantieren oder erzwingen, dass ein einzelner bestimmte Erfahrungen tatsächlich macht. Umgekehrt gilt, dass bestimmte religiöse Traditionen oder Gemeinschaften für einzelne auch reale Hindernisse sein können, genau die wichtigen religiösen Erfahrungen zu machen. Es scheint so zu sein, dass das, was in religiösen Erfahrungen ‘aufscheint’ etwas ist, das keinem einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen gehört; keine religiöse Gemeinschaft hat letztlich die ‘Kontrolle’ über das, was sie zu ‘verwalten’ sucht. Das wäre ein Widerspruch in sich. In dem Moment, wo eine menschliche Gruppierung für sich in Anspruch nehmen würde, ‘das in der religiösen Erfahrung Aufscheinende’ (oft das ‘Göttliche’ genannt bzw. ‘Stimme Gottes’ bzw. ‘Gott’) vollständig zu kontrollieren, müsste man sich fragen, was das für ein ‘Göttliches’ ist, das da von Menschen vollständig kontrolliert wird.

(9) Es gibt in der historischen Rückblende immer wieder die Tendenz zu beobachten, dass religiöse Gemeinschaften –oder bestimmte Führungspersonen in diesen– sich einen ‘exklusiven Zugang’ zu dem ‘in der religiösen Erfahrung Aufscheinendem’ –wie auch immer gearteten– ‘Göttlichem’ zu ’sichern’, doch dürfte dies generell eher ein Anzeichen dafür sein, dass damit die Beziehung zum Erfahrungsinhalt gerade ins Gegenteil verkehrt wird. ‘Das in der religiösen Erfahrung sich Zeigende’ gehört prinzipiell niemandem und kann von daher auch grundsätzlich nicht von einem Menschen ‘kontrolliert’ werden (was nicht ausschliesst, dass ‘Führungspersönlichkeiten’ innerhalb bestimmter Gemeinschaften eine gewisse praktische Bedeutung besitzen können). Machtstrukturen stehen aber prinzipiell im Gegensatz zu der Struktur ‘religiöser Nachfolge’, wie sie sich aus der gelebten religiösen Erfahrung her begründet. So, wie die religiöse Erfahrung offensichtlich dazu da ist, prinzipiell allen Menschen eine zusätzliche Orientierung zu ermöglichen, die mit einer individuellen Öffnung für ‘das Ganze’ einhergeht, so scheint eine erfahrungsbasierte religiöse Lebensorientierung darauf ausgerichtet zu sein, Leben  durch den eigenen persönlichen Beitrag zu ermöglichen, aber nicht Leben zu kontrollieren mit gleichzeitiger  persönlicher ‘Herausnahme’.

(10) Eine erfahrungsbasierte Lebensführung ist aufgrund der Struktur menschlicher Bewusstheit/ Geistigkeit grundsätzlich eingebettet in unterschiedliche Wissensstrukturen. Insofern kann es niemals ‘reine Inhalte’ geben. Selbst eine direkte Erfahrung des wie auch immer gearteten Göttlichen ist –obgleich in ihrer Besonderheit sicher unmittelbar identifizierbar– dennoch immer ‘vermittelt’ durch das bis dahin verfügbare Wissen. Es ist daher nicht verwunderlich , dass das Beispiel vieler bekanntgewordener ‘Erfahrener’ zeigt, dass es viele Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte braucht, um die erlebten Zustände mit den verfügbaren Wissenstatsbeständen in ein ‘konstruktives’ Verhältnis zu bringen. Dass dabei sichtbar wird, dass keine menschliche Person vollständig von den historischen Kontexten abstrahieren kann, überrascht nicht wirklich, ist auch kein Argument ‘gegen’ die kommunizierte Erfahrung. Sie zeigt nur, dass ‘das, was das Innere der Welt zusammenhält’ sich nicht durch einen einzelnen Menschen allein, auch nicht durch eine ganze Generation alleine, sondern vermutlich nur durch den gesamten Prozess der Lebenwerdung auf der Erde/ im Universum  umrisshaft, mehr und mehr ‘enthüllt’, ohne dass wir sicher sein können, dass es irgendwann einmal unter den Umständen der biologischen Lebensformen vollständig transparent sein kann. Trotz dieser wesentlichen Einschränkung kann das, was bislang sichtbar geworden ist, einen wesentlichen Beitrag zur Orientierung über das leisten, was ‘Leben’ in dieser ‘Welt’ bedeuten kann. ‘Selbsternannte’ Götter in Menschengestalt sind das sicherste Zeichen, dass sie es nicht sind. Das ‘Göttliche’ ist prinzipiell mehr als alle Menschen zusammengenommen und ein ‘Prophet’ ist ein ‘Werkzeug unter vielen’, das uns anregen kann. Niemandem bleibt es erspart, hier seinen eigenen Weg zu gehen, um durch sein konkretes Leben seinen persönlichen Beitrag zu leisten. Die selbsternannten Führer können keine Entschuldigung dafür sein, seine eigene Verantwortung nicht selbst in die Hand genommen zu haben.

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