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WAHRHEIT ALS ÜBERLEBENSNOTWENDIGKEIT; WEISHEIT ALS STRATEGIE

(1) Angesichts der scheinbaren Komplexität der uns umgebenden Welt und zugleich der zunehmenden Überflutung durch immer mehr von Menschen generierten Informationsereignissen bei biologischer Konstanz der Akteure kann der Eindruck entstehen, ‘Wahrheit’ sei nicht nur nicht mehr möglich sondern irgendwo vielleicht auch ‘egal’, scheint doch der Alltag ‘irgendwie’ trotz allem zu funktionieren.

 

(2) Ein Teil dieser ‘Gleichgültigkeit’ gegenüber der Wahrheit ist auch die ‘Koexistenz’ von unterschiedlichen Weltanschauungen ‘nebeneinander’ – einschließlich der zahlenmäßig großen ‘Religionen’ dieser Welt –, die inhaltlich nicht nur abweichend sind, sondern sich teilweise wechselseitig widersprechen. Während die verschiedenen Weltanschauungen selbst ‘aus sich heraus’ eigentlich den Anspruch haben, das ‘Richtige’ zu ‘wissen’, erzwingen die politischen Machtverhältnisse heutzutage oft eine ‘Beschränkung’ des jeweiligen Deutungsanspruchs auf den Bereich der jeweiligen ‘Mitglieder’ / ‘Anhänger’.

 

(3) Blickt man zurück in der Geschichte dann kann man diese ‘Koexistenz’ von unterschiedlichen – und letztlich ‘konkurrierenden’ – Weltanschauungen als Fortschritt verstehen: ohne dass die Deutungsansprüche schon alle vollständig abgeklärt werden konnten, erlaubt die Koexistenz ein friedliches Lebens ‘nebeneinander’ ohne sich zu töten.

 

(4) Versteht man eine Weltanschauung [W] als eine Struktur W=<E,M, Int> mit den Komponenten einer umgebenden ‘Welt’ [’E’ für environment], einem ‘Modell’ [M] dieser Welt, sowie einer bestimmten ‘Deutung/ Interpretation’ [Int], durch die sich das Modell auf die Umgebung E bezieht, und umgekehrt, also etwa Int: E <—> M, dann könnte man sagen, dass die existierenden Weltanschauungen wie das Judentum [W_Jud], das Christentum [W_Christ], der Islam [W_Islam], die modernen empirischen Wissenschaften [W_Wiss] usw. (also W_i in W) unterschiedliche Interpretationen und Modelle der gleichen Welt E liefern. Zugleich sollte man bedenken, dass Weltanschauungen W_i nicht im ‘luftleeren Raum’ existieren, sondern Konstruktionen sind, die ‘in den Köpfen’ von Menschen entstehen. Dies aber bedeutet, dass es das jeweilige Gehirn in einem Körper ist, das im Rahmen seiner Möglichkeiten solch eine Weltanschauung mit Modell M und Interpretation aufgrund von verfügbaren Sinnesdaten E_sens erzeugt. E_sens ist aber, wie die vorausgehenden Überlegungen gezeigt haben, nicht die Welt E wie sie ‘ist’ (E_sens != E), sondern jener ‘Messwert’, den die Sinnesorgane zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort von der dann und dort aktuellen Welt E ‘erzeugen/ generieren’, also inp: E —> E_sens. Diese Sinnesdaten werden dann durch die körpereigene Wahrnehmung [perc für perception] zu jenen ‘bewussten Erlebnissen’ [PH_emp] verarbeitet, die wir dann als ‘Wahrnehmung bezeichnen, also perc: E_sens x BD —> PH_emp mit PH_emp subset PH. Bei dieser ‘Verarbeitung’ von Sinnesdaten E_sens in die wahrgenommenen Phänomene PH_emp spielen unterschiedliche komplexe Körperprozesse BD mit hinein, die zum endgültigen Wahrnehmungsereignis PH_emp beitragen.

 

(5) In der zurückliegenden Geschichte war es oft üblich, dass die Anhänger einer Weltanschaung W_i, sofern sie sich ‘politisch stärker’ fühlten, alle ‘anderen’ unterdrückt, verfolgt oder gar getötet haben. Diese blutige Spur durchzieht die ganze Geschichte. In vielen Fällen ist nicht klar, ob es immer nur um die ‘Reinheit der Lehre’ ging oder ob man sich den Umstand der unterschiedlichen Deutungen nur zunutze gemacht hat, um seine eigenen Machtinteressen mit Hilfe einer ‘Deutungshoheit’ durchzusetzen. Es gibt genügend historische Zeugnisse, aufgrund deren man heute sagen würde, auch unter dem Deckmantel von ‘religiösen’ Deutungsansprüchen wurden reine Machtansprüche auf brutalste Weise umgesetzt.

 

(6) Doch wäre es zu einfach und zu billig, würde man bestimmte Deutungsansprüche nur deshalb ‘diskreditieren’, weil sie bisweilen von Menschen für ihre privaten Machtinteressen missbraucht wurden. Dies geschieht ja heute immer noch, ja, sogar heute gibt es viele Länder auf dieser Erde, wo Menschen auf dieser Erde nur aufgrund einer anderen Weltanschauung diskreditiert, verleumdet, unterdrückt, verfolgt und getötet werden. Die Frage, wie man eine bestimmte Weltanschauung W_i bewerten soll, ist also keine rein akademische Frage, obwohl sie philosophisch-theoretisch behandelt werden sollte.

 

(7) Die Frage, wie man mit differierenden Deutungsansprüchen umgeht, ist von daher für eine friedliche und konstruktive Zukunft der Menschheit wichtig.

 

(8) Würden die ‘Träger einer Weltanschauung W_i’ [POP_i = POP cut W_i] in dieser Welt so verteilt sein, dass sie sich nie treffen würden, dann wäre es eigentlich fast egal, welche Weltanschauung sie genau haben, sie würden sich in einem bestimmten Abschnitt E_i subset E bewegen und würden sich wechselseitig ‘bestätigen’. Einziger Konfliktfall könnte sein, dass ein Mitglied der Population p in POP_i Schwierigkeiten hat, ‘für sich’ die Weltanschauung W_i zu ‘akzeptieren’. Die meisten Weltanschauungen (nicht nur solche, die sich ‘Religion’ nennen) haben einen Katalog von ‘Sanktionen’, mit denen sie diejenigen ‘bestrafen’, die ihre ‘Anerkennung’ verweigern (eine Zusammenstellung der Praktiken im Laufe der Menschheitsgeschichte könnte sehr lehrreich sein). Dies kann von einfachen ‘Mahnungen’ über verschiedene ‘Strafen’ bis hin zur ‘Verstoßung’ oder gar ‘Tötung’ reichen. Historisch lässt sich aber auch beobachten, dass Weltanschauungen sich durch die Art und Weise des ‘Gebrauchs’ von Weltanschauungen ‘verändern’ können. Ausmaß der Veränderung und ‘Geschwindigkeit’ der Veränderungen können von unterschiedlichsten Faktoren abhängen.

 

 

(9) In dem Masse, wie sich der homo sapiens sapiens auf der Erde ausgebreitet hat, hat die Bevölkerungsdichte zugenommen. Waren es um ca. 2012 Jahren vor unserer Gegenwart [BP := Before Present, Present = 2012] ca. 250 Mio Menschen auf der Erde, waren es um ca. 262 Jahren BP (1750 n.C.) ca. 771 Mio. 2 Jahre BP (= 2010 n.C.) ca. 6.9 Mrd (Quelle: Gans (2011), S.17). In den urbanen Regionen der Erde erleben wir heute eine ungeheure Zusammenballung von Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen auf engstem Raum. In einer solchen Situation andere Menschen aufgrund differierender Weltanschauungen zu verfolgen oder gar zu töten stößt auf allerlei praktische Schwierigkeiten. Doch, wie uns der Gang der Geschichte lehrt, ist dies kein absolutes Hindernis dafür, dass Menschen sich gegenseitig dennoch diskriminieren, verfolgen und regelrecht abschlachten. Offensichtlich haben wir Menschen große Probleme damit, wie wir mit unterschiedlichen Weltanschauungen umgehen.

 

 

(10) Der entscheidende Punkt an einer Weltanschauung ist, dass diese nicht vollständig ‘unsichtbar’ ist. Eine wesentliche Eigenschaft einer Weltanschauung ist es ja gerade, dass sie ‘Bezug nimmt auf Welt’ und für denjenigen, der diese Weltanschauung hat, die Eigenschaften und Ereignisse der erfahrbaren Welt E_sens so ‘deutet’, dass der Träger der Anschauung W_i mit Hilfe seiner Weltanschauung die Ereignisse ‘einordnen’/ ‘deuten’/ ‘bewerten’ kann, vor allem, dass er aufgrund seiner Weltanschauung dann auch ‘weiß’, was er als nächstes ‘tun kann’ bzw. ‘tun soll’. Mitglieder politischer Parteien, von Gewerkschaften, von Religionen leiten aus ihrer jeweiligen Weltanschauung ab, was sie ‘gut’ finden, was ’schlecht’, was man ‘nicht tun soll’, was man ‘tun soll’, wer ein ‘Abtrünniger’ ist, ein ‘Verräter’, usw. Es gibt Regeln, wie man sich ‘kleidet’ (Dresskode), um seine Zugehörigkeit zu demonstrieren, was man wann ist und trinkt, usw.

 

(11) Eine Weltanschauung ernsthaft zu haben, hat also unmittelbare Auswirkungen auf das konkrete Verhalten im Alltag. Bei der heutigen ‘Vermischung’ der Menschen in dicht besiedelten Regionen bedeutet dies auf Schritt und Tritt ‘Berührung mit der Andersartigkeit’: Kleidungsgewohnheiten im Straßenbild, auf der Arbeitsstelle; Essgewohnheiten in Lokalen und Flugzeugen; Gebetszeiten in der Öffentlichkeit und in der Arbeit; Verhaltensweisen von Frauen und Männern, von Jugendlichen, von Mädchen und Jungen; sexuelle Praktiken; Ansprüche auf bestimmte Orte, Städte oder gar Regionen; Akzeptanz oder Ablehnung von Menschen, die ‘anders’ sind; Akzeptanz von wissenschaftlichen Erkenntnissen; Formen des Zusammenlebens (eine oder mehrere Ehefrauen, heterosexuelle Partnerschaften oder andere Formen, Formen des Geschlechtsverkehrs,…); Abtreibung oder nicht; Sterbehilfen ja oder nein; Genetik des Menschen, Gentechnologie im großen Stil; Vorlieben für bestimmte Musik; Umgang mit Bildern; Theater, Musicals, experimentelle Musik; Architektur; Umgang mit Abfall, Müll; Umgang mit Armut und Krankheit; Umgang der Generationen untereinander; Umgang mit der Natur, Nachhaltigkeit; usw.

 

(12) Diese heute real existierende Verschiedenartigkeit kann man als Chance verstehen oder als Bedrohung. Je weniger ein Mensch weiß, umso mehr tendiert er dahin, Verschiedenartigkeit als ‘Fremdartigkeit’ aufzufassen, als potentielle oder reale ‘Bedrohung’, die fast täglich ‘reizt’, bis dahin, dass man anfängt, dieses ‘Andere’ mehr oder weniger zu verteufeln oder gar real zu bekämpfen. Die eigene Unfähigkeit, verschiedene Standpunkte, insbesondere auch den eigenen, aufgrund der komplexen Voraussetzungen bis zu einem gewissen Grad zu ‘relativieren’ und darin ein gewisses Verständnis für die ‘Andersartigkeit des Anderen’ zu entwickeln (eine Form von ‘Weisheit’), führt fast unweigerlich zu Spannungen, aus denen nahezu alles erwachsen kann (abhängig von den Umständen).

 

(13) Aufgrund der individuellen Grenzen ist ein einzelner Mensch in der Regel überfordert, die Vielfalt herrschender Weltanschauungen erschöpfend und systematisch so aufzuarbeiten, dass er ein volles Verständnis erlangt und dann noch darüber hinaus möglicherweise seine eigene, neue integrierende Sicht entwickelt, die dann auch noch von hinreichend vielen anderen Menschen geteilt wird.

 

(14) Das Maximum,was ein einzelner in der Regel erreichen kann, ist eine gewisse ‘Toleranz’ gegenüber ‘Andersartigkeit’, getragen von einem grundsätzlichen Respekt vor der Person anderer Menschen, und der Bereitschaft, möglicherweise etwas dazu zu lernen.

 

(15) Sofern es in einer modernen Gesellschaft eine funktionierende Öffentlichkeit gibt, lebendige Schulen, offene und kritische Hochschulen und eine kritische Forschung, kann es passieren, dass die Vielzahl dieser Unterschiede sich im täglichen Miteinander auf Dauer ‘mischen’, ‘wechselseitig aneinander abarbeiten’, sich z.T. relativieren, z.T. verstärken, sich auf neue Weise ‘integrieren’ usw. Dies ist ein Prozess, der Zeit braucht, der aber auf Dauer die ‘größere’ bzw. ‘tiefere’ Wahrheit ‘ans Licht’ bringen wird. Aus der komplexen Struktur von Weltbildern, ihrer Entstehung und ihrer Vermittlung ergibt sich, dass kein einzelner Mensch ‘Herr der Weltbilder’ ist! Weltbildern sind ein ‘vermittelndes Etwas’ zwischen Menschen; sie leben von der Aktivität jedes einzelnen Menschen, wirken aber auch auf diesen zurück. Es gab und gibt immer wieder Machtgruppen, die versuchen, die Gestalt von Weltbildern zu ‘kontrollieren’ (weil sie angeblich um die ‘Wahrheit’ besorgt oder wegen des ‘Gemeinwohls’ oder wegen der ‘Staatsräson’ oder….), aber es gehört zum Wesen der Weltbilder, dass sie sich letztlich nicht vollständig kontrollieren lassen. Wohl aber kann es passieren, dass die Mehrheit einer Population (von bestimmten Interessengruppen) so beeinflusst wird, dass nur eine bestimmte konkrete Ausformung eines Weltbildes akzeptiert und unterstützt wird (z.B. versuchen sogenannte christliche Fundamentalisten die Fakten der modernen Evolutionsforschung (Weltall, chemische Evolution, biologische Evolution…) über Gesetzgebung aus den Schulzimmern zu verbannen (es gibt viele andere, vielleicht noch schlimmere, Beispiele).

 

(16) Den meisten Gewinn haben alle, wenn Verschiedenartigkeit zum Anlass wird, die Art und Weise dieser Verschiedenartigkeit genauer zu untersuchen, die Gründe für diese Verschiedenartigkeit zu ermitteln, diese Gründe genau abzuwägen, um dann zu einem kritisch geläuterten Bild einer ‘erneuerten’ Weltanschauung zu kommen, in der alle Beteiligten verstanden haben, warum und wie man dieses ‘erneuerte’ Bild unterstützen sollte. Sogenannte ‘Religionen’ haben meist das Problem, dass sie zumindest Teile ihrer Weltanschauung so ‘tabuisiert’ haben, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Voraussetzungen schon im Vorfeld ‘verboten’ wird. Damit gibt es ‘dunkle Flecken’ auf der ‘Landkarte des Wissens’, die von den jeweiligen ‘Sprechern’ solcher Weltanschauungen für beliebige Interpretationen ‘missbraucht’ werden können. Im Namen der ‘Wahrheit’ können Sie dann die ‘Un-Wahrheit’ verkünden. Eine unglückliche Konstellation, die vielen Schaden anrichten kann.

 

(17) Bei einer kritischen Untersuchung der möglichen Gründe für Verschiedenartigkeiten ist es normalerweise unausweichlich, die jeweiligen Menschen als ‘Träger’ von Weltanschauungen bzw. als deren ‘Erzeuger’ näher zu untersuchen. Da es ja u.a. der Körper und das Gehirn eines Menschen sind, die überhaupt so etwas wie eine ‘Weltanschauung’ entstehen zu lassen bzw. sie zu ‘pflegen’, ist eine genaue Untersuchung dieser Verhältnisse unumgänglich. Was können wir überhaupt wahrnehmen? Wie kann unser Gehirn aus isolierten einzelnen Sinnesdaten aus verschiedenen Sinnesorganen überhaupt zusammenhängende Objektbegriffe erzeugen? Was heißt Verallgemeinerung? Wie können wir überhaupt ein Objekt ‘wiedererkennen’? Wodurch können unsere Verallgemeinerungen und Erinnerungen ‘gestört’/ ‘beeinträchtigt’ werden? Welche Zusammenhänge können wir überhaupt erkennen? Wieso und wie können wir aus Erkanntem auf mögliche Ereignisse in der Zukunft schließen (Prognose)? Warum und wie können wir Prognosen überprüfen? Warum und wie kann ein Mensch A wissen, was ein anderer Mensch B ‘denkt’ und ‘fühlt’? Wie funktioniert überhaupt Sprache? Wie kommen die ‘Worte’ zu ihrer ‘Bedeutung’? Woher kann ich überhaupt ‘wissen’, was der andere ‘meint’, wenn er eine bestimmte sprachliche Äußerung tätigt? Usw. usw.

 

 

(18) Die Geschichte der christlichen Bibelauslegung ist ein beeindruckendes Zeugnis davon, wie jede Zeit ihr ‘Bild’ vom Offenbarungsgehalt aufgrund neuer Erkenntnisse beständig verändert und erweitert hat. Andererseits kann man auch sehen, wie nicht nur das Gesamtbild sich im Laufe der Zeit geändert hat, sondern dass auch — abhängig von bestimmten speziellen Annahmen – ganz unterschiedliche, konkurrierende Deutungen innerhalb des Christentums entstanden sind. Die greifbare Tatsache, dass das Christentum heute in viele Spielarten zerfällt und auf wichtige moderne Erkenntnisse keine wirklich konsistent-überzeugende Antwort parat hat, kann man als Hinweis deuten, dass die philosophisch-theoretische Reflexion auf die Voraussetzungen von Glauben und Erkennen nicht hinreichend ausgearbeitet worden sind. In vielen christlichen Spielarten fehlen solche systematische Untersuchungen mehr oder weniger vollständig (ob andere Religionen wie Judentum und Islam hier mehr geleistet haben, kann ich nicht beurteilen; die äußeren Indizien legen zunächst mal die Vermutung nahe, dass es beim Judentum und Islam mit kritischen Reflexionen auf die Voraussetzungen von Glauben und Erkennen eher noch schlechter bestellt ist).

 

 

(19) Ich persönlich halte es für keine gute Strategie, unterschiedliche Weltanschauungen mit unterschiedlichen Methoden zu untersuchen und zu behandeln. Jede Art von Weltanschauung — ob politisch, wirtschaftlich, künstlerisch-ästhetisch, religiös, usw. — wird von Menschen mit konkreten Körpern und Gehirnen praktiziert, in einer gemeinsam geteilten Welt, die allgemein zugänglichen Gesetzen unterliegt, die für alle Menschen gleich sind. Wir alle unterliegen der gleichen Herausforderung, die Population des homo sapiens sapiens in Gemeinschaft mit allen anderen Populationen auf dieser Erde, in diesem Sonnensystem, in dieser Milchstraße ‘am Leben’ zu erhalten, wobei es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch viele offene Fragen gibt, was viele Details angeht. Sofern eine Weltanschauung dazu beiträgt, dass dieser Prozess mit dem ‘maximalen Wohlergehen für alle’ unterstützt wird, ist diese Weltanschauung ‘hilfreich’, andernfalls ‘hindert’ sie und ist in diesem Sinne eher schädlich. Da aber bis heute – und vermutlich auch bis weit in die Zukunft hinein — die Frage, was letztendlich ‘hilft’ und was das ‘maximal Gute’ für die einzelnen Populationen ist, kaum von einzelnen Menschen mit letzter Klarheit beantwortet werden kann, sind ‘Vorsicht’, ‘Respekt’, ‘Toleranz’, ‘Geduld’ usw. im Umgang miteinander die wichtigsten Regeln.

 

 

 

 

LITERATURNACHWEIS

Gans, P. “BEVÖLKERUNG. Entwicklung und Demographie unserer Gesellschaft”, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2011

 

 

Ein Überblick über alle bisherigen Einträge findet sich hier.

 

 

 

 

VEREINIGUNG VON PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT?



(1) Eine klare Definition von Philosophie gibt es bislang nicht und dürfte es
angesichts der Besonderheit des  Gegenstandes vermutlich auch niemals geben.

(2) Viele Autoren, die sich als Philosophen verstehen, sehen den Gegenstand
der Philosophie in der Aufdeckung von Zusammenhängen, die jedem Denken zugehören,
unabhängig von den wechselnden ('kontingenten') 'Inhalten'.

(3) Nach Descartes, Kant -- und vielen anderen -- hat Husserl versucht, einen
allgemeingültigen und 'festen' Grund des Denkens durch Fokussierung  auf das
Erleben des eigenen Denkens zu finden.

(4) Husserl unterscheidet zwischen den wechselnden -- und vom ihm als 'kontingent'
bezeichneten -- Inhalten des Erlebens (den 'Phänomene')  sowie jenen Momenten des
Erlebens, die allem Erleben 'innewohnen', 'implizit zugehören'. Immer, wenn wir
erleben, dann sind diese Momente als solche 'unterscheidbar' von den kontingenten
Phänomenen.  In Anlehnung an Kant kann man solche 'impliziten', 'dem Erleben
innewohnenden' Eigenschaften 'transzendental' nennen: sie sind dem Erleben
'voraus(gesetzt)'.

(5) Husserl hebt hervor, dass diese Unterscheidungen von kontingenten
Bewusstseinsinhalten und transzendentalen Momenten des Bewusstseins zur
Voraussetzung hat, dass man die 'normale (alltägliche)' Erlebniseinstellung verlässt.
Für Letztere ist kennzeichnend, dass 'erlebte Inhalte' nicht als 'erlebte' Inhalte
genommen werden, sondern dass diese 'automatisch' so interpretiert werden, als ob
diese Erlebnisinhalte – sofern sie dem Bereich der Sinneswahrnehmung zugeordnet
werden --  'Dinge in der realen Welt' 'verkörpern'. D.h. Unser alltägliches 'naives'
Erleben unterstellt den Erlebnisinhalten eine 'ontologische Geltung', eine
'Existenz in der realen Welt'. Sofern man sich 'als  Philosoph' 'bewusst' wird,
dass das 'Erleben als solches' nicht notwendigerweise  eine reale Existenz bedingen
muss (Beispiel 'Träumen', 'Fantasieren', 'Vorstellen', 'Erinnern',...), kann man
diese Unterscheidung festhalten und versuchen, sie zu einem methodischen Element
des Welterlebens machen. Husserl nennt die Einstellung, die diese Unterscheidung
konserviert, 'epochä' (aus dem Griechischen), etwa 'Ausklammerung (oder 'Einklammerung').
Unter Anwendung der epochä werden die ontologischen Unterstellungen für alle
Erlebnisinhalte erst einmal eingeklammert.


(6)Der  epochä voraus liegt die grundsätzliche 'Bewusstwerdung' des 'Erlebens als
solchem'! Erst unter Voraussetzung des Erlebens als solchem kann ich innerhalb
dieser Bewusstwerdung die zusätzliche Unterscheidung zwischen dem 'reinen
Erlebnisinhalt' und den 'begleitenden Eigenschaften' machen wie z.B. den
ontologischen Unterstellungen oder den transzendentalen Momenten des Erlebens.

(7) Am transzendentalen Erleben kann man im Rahmen der grundsätzlichen
Bewusstwerdung  viele unterscheidbare Eigenschaften (informell beschreibbar
als 'Erinnern', 'Abstrahieren', 'Vergleichen',...), identifizieren.

(8) Ein Philosophieren, das die Inhalte des Erlebens zum Gegenstand macht,
hat ein Grundproblem, das bis heute – so scheint es – noch niemand befriedigend
lösen konnte; dies ist dem Umstand geschuldet, dass Philosophieren eine Tätigkeit
ist, zu der die Kommunikation zwischen Menschen dazu gehört. Ohne sprachliche
Kommunikation der Denkinhalte ist das Philosophieren weitgehend wertlos.
Selbst wenn das individuelle Denken über irgendwelche 'Inhalte' verfügen würde
(wovon auszugehen ist), wären diese Inhalte solange 'unsichtbar', solange sie
nicht in einer gemeinsam geteilten Sprache 'vermittelbar' wären. Davon zu
unterscheiden wäre die Frage, was denn ein einzelner Denker überhaupt denken
kann, wenn er nicht über eine Sprache verfügt, die von anderen verstanden wird.
Wieweit bilden die Tiere, die keine elaborierte Sprache ausgebildet haben, ein
Beispiel für sprachfreies Denken? Immerhin sind zu komplexen – auch sozialen –
Handlungen fähig.

(9) Wie viele vor Wittgenstein als 'Philosophen der Sprache' bezeichnet werden
sollten, kann ich momentan nicht klar entscheiden, auf jeden Fall hat Ludwig
Wittgenstein die transzendentale Rolle der Sprache für unser Erleben in einer
Weise beleuchtet und reflektiert, wie niemand zuvor – und bislang vielleicht auch
niemand mehr nach ihm --.  Er ist der kreative Totalzerstörer von jeglicher
Bedeutungssicherheit. Er liefert zwar keine neue konstruktive Antworten, aber
er bereitet den Weg durch Zerstörung falscher Sicherheiten. Wittgenstein muss man
'meditieren', und dann kann man versuchen, 'erneuert' zu denken...

(10) Von einer anderen Warte aus – und offensichtlich noch ohne Kenntnis von Wittgenstein –
hat Saussure in seinen Grundlagen zur Sprachwissenschaft (erstmalig in Vorlesungen
1906 - 1911) versucht, einen allgemeinen Begriff des (sprachlichen) Zeichens einzuführen.
Sein Ausgangspunkt ist eine Population von Sprecher-Hörern – eine Population P von
Zeichenbenutzern --, von denen sich ein einzelner Zeichenbenutzer beim Sprachgebrauch
immer in einem sprachlichen Rückkopplungsprozess  derart befindet, dass der physikalische
Laut zwischen mindestens zwei Zeichenbenutzern sensorisch aufgenommen, physiologisch
– sprich: neuronal – verarbeitet verarbeitet wird, so dass es zu einem 'psychischen
Erlebnis' kommt, welches das eigentliche Ereignis für den Hörer darstellt. Im 'Erleben'
erlebe ich einen Klang als 'abstraktes Klangereignis' und zusätzlich erlebe ich ein
'abstraktes Dingkonzept' (implizit zubereitet durch das verarbeitende Gehirn). Zwischen
einem Dingkonzept O_ph und einem Lautkonzept L_ph kann im Gehirn eine Verbindung
('Assoziation') hergestellt werden, so dass das Lautkonzept über diese Verbindung auf
das Dingkonzept 'verweisen' kann, und umgekehrt)(ASSOC(L_ph,O_ph)). Das Lautkonzept wird
in solch einer Verbindung zum 'Bezeichner' ('signifiant', Signifikanten), und das über
solch eine Verbindung Bezeichnete wird zur 'Bedeutung' ('signifie', Signifikat) des
Bezeichners. Beide Momente vereint durch eine Beziehung werden dann zu einem 'Zeichen'
('signe'). Für Saussure war es wichtig, festzuhalten, dass diese mögliche Beziehung
zwischen einem Bezeichner und einem Bezeichnten 'arbiträr' ist in dem Sinne, dass
ein bestimmtes Bezeichnetes 'von sich aus' keinen bestimmten Bezeichner 'verlangt'.
Ob man eine mögliche (!) Unterscheidung im Rahmen der Wahrnehmung von dark und light
 nun mit den Bezeichnern 'dunkel' und 'hell' bezeichnen will oder mit irgendwelchen
anderen Lautkombinationen ist völlig der Entscheidung der Sprachgemeinschaft überlassen.
Wenn diese sich einmal entschieden hat, dann wird die einmal getroffene Entscheidung
in den meisten Fällen erst einmal als 'Verabredung' (Konvention) dahingehend wirksam
sein, dass ein Zeichenbenutzer dieser Population im Bedarfsfall erst einmal die
eingeführten Zeichen benutzen wird. Dennoch steht es der Population frei, diese
Zuordnungen wieder zu verändern (was historisch auch immer wieder geschehen ist).

(11) Schon diese minimale Sprachtheorie macht deutlich, dass die Einführung von Zeichen
für Objekte, die nicht 'zwischen' den verschiedenen Zeichenbenutzern existieren
und somit als empirische Objekte wahrgenommen werden können, viel grundsätzliche
Fragen aufwirft. Aber selbst die sprachliche Kommunikation über sogenannte 'empirische'
Objekte ist nicht trivial. Nach der Saussurschen Theorie können zwei Zeichenbenutzer
nur dann über ein empirisches Objekt zu einer Einigung kommen, wenn die psychischen
Objekte L_ph und O_ph bei bei beiden Zeichenbenutzern hinreichend 'ähnlich' sind
und darüber hinaus in ihrer 'Abbildung' vom externen Stimulus in ein psychisches
Ereignis hinreichend 'konstant'. Würde das 'gleiche' empirische Objekt O_e.i bei
jedem Auftreten anders abgebildet werden (also O_e.i ---> {O_ph.i.1, ..., O_ph.i.k}),
dann wäre der betreffende Zeichenbenutzer garnicht in der Lage,  in diesen
verschiedenen psychischen Ereignissen ein einziges bestimmtes empirisches Objekt
erkennen zu können. Ferner, selbst wenn die Abbildung als solche konstant wäre,
würde es zu Problemen kommen können, wenn die Abbildungen in jedem Zeichenbenutzer
grundsätzlich verschieden wäre (also O_ph.i von Zeichenbenutzer A wäre verschieden
von O_ph.i von Zeichenbenutzer B). Dies bedeutet, schon die 'normale' sprachliche
Kommunikation von empirischen Objekten verlangt, dass die internen
Abbildungsmechanismen von Wahrnehmungsereignissen in psychische Objekte sowohl
hinreichen 'konstant' wie auch hinreichend 'ähnlich' zwischen unterschiedlichen
Zeichenbenutzern sind.

(12) Aufgrund der Erkenntnisse verschiedener empirischer Wissenschaften zur
Evolution des Lebens – speziell auch zur Entwicklung genetischer Strukturen,
Körperentwicklung, Gehirn- und Verhaltensentwicklung -- wissen wir, dass der
'Bauplan' für den homo sapiens 'identisch' ist und dass trotz Wechselwirkung
mit der Umwelt während der Wachstumsphase die entscheidenden Gehirnstrukturen
tatsächlich hinreichend ähnlich sind. Sinneswahrnehmung, Gedächtnisstrukturen,
Bewegungsprogramme, Spracherwerb, usw. funktionieren bei den einzelnen Zeichenbenutzern
'vollautomatisch' und hinreichend 'strukturähnlich'.

(13)Ausgestattet mit diesen Erkenntnissen eröffnet sich für die Frage der
sprachlichen Kommunizierbarkeit von bewusstseinsphilosophischen Sachverhalten
der interessante Ansatzpunkt, dass eine bedingte Kommunikation von
nichtempirischen Phänomenen möglich erscheint, wenn diese Phänomene
konditioniert sind von einer allgemeinen Erlebnisstruktur des homo sapiens
(eine der Leitideen der evolutionären Erkenntnistheorie). In diesem Fall
könnte ein Zeichenbenutzer A, der Zahnschmerzen hat, unter bestimmten
Voraussetzungen einem anderen Zeichenbenutzer B, der die Zahnschmerzen des A
nicht 'wahrnehmen' kann, u.U. 'indirekt' verstehen (z.B. durch Hinweise auf
Situationen, in denen er auch 'Schmerzen' hatte oder gar 'Zahnschmerzen').
Eine solche 'indirekte' Bedeutungseinführung verlangt von allen Beteiligten
eine große Disziplin, verlangt möglichst viele gemeinsam geteilte Erfahrungen,
vor allem aber 'Vertrauen' darin, dass der andere nicht 'täuscht', nicht etwas
'simuliert', was garnicht da ist. Eine direkte Überprüfbarkeit ist stark
reduziert wenn nicht völlig ausgeschlossen. Trotz dieser Widrigkeiten, das zeigt
der Alltag, gelingt der Aufbau von 'indirekten Bedeutungsbeziehungen' erstaunlich
gut und kann sehr weit ausgreifen. Allerdings erscheinen die 'Grenzen' dieses
Verfahrens 'fließend' zu sein.

(14) Eine Bewusstseinsphilosophie auf der Suche nach transzendentalen Strukturen
wird also letztlich nur soweit kommen können wie einerseits (i) das Erleben als
solches Inhalte verfügbar machen kann und zum anderen (ii) nur insoweit, als
eine gemeinsame Sprache verfügbar ist, die es erlaubt, die verfügbaren
Unterscheidungen im Raum des Erlebens sprachlich zu kodieren.

(15) Husserl selbst blieb in der Struktur seines Erlebens letztlich 'gefangen'
und alle seine Bemühungen zur Einordnung von kontingenter Welterfahrung und
transzendental bedingter Metaphysik enden an den Grenzen des puren Erlebens
(inklusive der darin fassbaren allgemeinen Sachverhalte)

(16) In der Philosophie nach Husserl gab es unterschiedliche Strömungen, den
phänomenologischen Ansatz anders zu deuten oder gar weiter zu entwickeln, doch
die schier unüberwindlich erscheinende Gegenübersetzung von kontingenten
Erlebnisinhalten (und den darauf aufbauenden entsprechend angenommenen kontingenten
Einzelwissenschaften) und transzendentalen Sachverhalten paralysierte alle
Nachfolger (einschließlich z.B. Heidegger, Derrida, Lyotard).

(17) Folgt man den Einsichten zum Sprachgebrauch dann kann deutlich werden,
dass die Formulierung abstrakter Modelle (formaler Theorien) sowohl zur
Beschreibung von Regelhaftigkeiten im Kontext von kontingenten Inhalten benutzt
werden kann wie auch zur Beschreibung von transzendentalen Eigenschaften des
Erlebens. Mehr noch, die Entwicklung von empirischen Theorien mit 'formalen
Kernen' hat gezeigt, dass Dasjenige, was den 'Erkenntnisinhalt' solcher
Theorien ausmacht, gerade nicht das kontingente Faktum als solches ist,
sondern jene 'Regelhaftigkeiten', die anläßlich des kontingenten Auftretens
durch 'Speicherung der Ereignisse' 'sichtbar' werden und eben als diese
'Regeln' dann in eine formale Strukturbildung Eingang finden. Statt – wie
Husserl dies tut – hier von der 'Transzendenz' der empirischen Bedeutungen zu
sprechen, vom 'unendlichen Horizont der Bedeutung' (was in gewissem Sinne
schon einen 'Sinn' ergibt), wäre es vielleicht hilfreicher, sich klar zu machen,
dass die kontingenten Inhalte als solche dem bewussten Erleben gegenüber
auch 'transzendental' sind, dem Erleben 'vorausgehend', und dass die 'Extraktion'
von Regeln in den transzendentalen Inhalten ein Denkprozess ist, der als solcher
transzendental ist. Es ist das 'transzendentale Denken' das sich aus den
transzendentalen Phänomenen jene Eigenschaften extrahiert, die über das
einzelne Phänomen hinausweisen und als allgemein Gedachtes dann zur
'Voraussetzung' des weiteren Denkprozesses wird. Zugleich sind die
erkannten Regeln in ihrer möglichen ontologischen Interpretation ebenfalls
ein 'transzendentales Etwas' für das erkennende Denken.

(18) Findet somit schon über die Dimension des Zeichengebrauchs eine gewisse
Annäherung zischen dem 'Kontingenten' und dem 'Transzendentalem' statt, so haben
uns die modernen empirischen Wissenschaften darüber belehrt, dass die allgemeinen
Strukturen des Erlebens (und darin enthalten Erinnern, Abstrahieren, Denken usw.)
zwar aus der Perspektive des Erlebens selbst als etwas Transzendentales, als
etwas nicht weiter Hintergehbares erscheinen, dass aber mit Hilfe von formalen
Theoriebildungen anhand von kontingenten Fakten klar geworden ist, dass
diese transzendentalen Strukturen letztlich selbst kontingent sind, nämlich
jene Strukturen, die sich im Rahmen der Evolution im Laufe von ca. 3.5 Milliarden
Jahren in Interaktion mit der vorfindlichen Erde entwickelt haben. Und diese
Strukturen sind kein 'Endpunkt', sondern nur eine 'Zwischenstation' in einem
Prozess, dessen Ende noch niemand kennt. Eine Metaphysik auf Basis rein
transzendentaler Sachverhalte im Sinne Husserls – also unter Ausklammerung der
Erkenntnisse aus den kontingenten Inhalten – erscheint von daher sehr fragwürdig,
mehr noch, sie führt – wie es bislang der Fall ist --, zu einer Fülle
unauflöslicher Paradoxien.

(19) Nimmt man die neuen Einsichten auf, dann lässt sich ein interessanter neuer
– und dynamischer – Ansatzpunkt für eine die ganze Welterfahrung umspannende
Metaphysik skizzieren. Den Kern bilden emirische Theorien mit formalen
Theoriekernen, die im Erleben verankert sind. Das Erleben ist aber korreliert
mit den Erkenntnissen über die Strukturentwicklung von Körper und Gehirn.
Dies ist notwendig, da die transzendentalen Voraussetzungen des individuellen
Erlebens innerhalb des individuellen Erlebens zwar einen 'absoluten' Rahmen
bilden, insofern das Individuum aber Teil einer Population ist, die eine
evolutionäre Entwicklung hinter sich hat, ist dieser individuelle transzendentale
Rahmen eine 'gewordene' Struktur, die ihre Wahrheit aus den bisherigen
Interaktionserfolgen mit der vorgegebenen Erde bezieht. Die Erde selbst ist
aber nur ein winziger Teil des Universums, in dem schon alleine die Milchstrasse
als unser Heimatgalaxie mehr als 200 Miliarden Sonnen enthalten soll. Es
wäre also zu klären, worin das 'Allgemeine' in der Struktur liegt, die wir
bislang 'empfangen' haben und inwieweit man dies über die Erde hinaus ausdehnen
kann.

(20) Jede künftige Philosophie ist entweder eine Philosophie des Lebendigen
im Universum unter Einbeziehung aller empirischen Wissenschaften oder sie
degeneriert zu einem bloßen 'Meinen' von einzelnen Personen, bei dem nicht klar
ist, was sie sagen wollen, weil die Beziehung zum Ganzen des Wissens willkürlich
beschnitten wurde.

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