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ERKENNTNISSCHICHTEN – Das volle Programm…

 

  1. Wir beginnen mit einem Erkenntnisbegriff, der im subjektiven Erleben ansetzt. Alles, was sich subjektiv als ‘Gegeben’ ansehen kann, ist ein ‘primärer’ ‘Erkenntnisinhalt’ (oft auch ‘Phänomen’ [PH] genannt).

  2. Gleichzeitig mit den primären Erkenntnisinhalten haben wir ein ‘Wissen’ um ’sekundäre’ Eigenschaften von Erkenntnisinhalten wie ‘wahrgenommen’, ‘erinnert’, ‘gleichzeitig’, ‘vorher – nachher’, ‘Instanz einer Klasse’, ‘innen – außen’, und mehr.

  3. Auf der Basis der primären und sekundären Erkenntnisse lassen sich schrittweise komplexe Strukturen aufbauen, die das subjektive Erkennen aus der ‘Innensicht’ beschreiben (’phänomenologisch’, [TH_ph]), aber darin auch eine systematische Verortung von ‘empirischem Wissen’ erlaubt.

  4. Mit der Bestimmung des ‘empirischen’ Wissens lassen sich dann Strukturen der ‘intersubjektiven Körperwelt’ beschreiben, die weit über das ’subjektive/ phänomenologische’ Wissen hinausreichen [TH_emp], obgleich sie als ‘Erlebtes’ nicht aus dem Bereich der Phänomene hinausführen.

  5. Unter Einbeziehung des empirischen Wissens lassen sich Hypothesen über Strukturen bilden, innerhalb deren das subjektive Wissen ‘eingebettet’ erscheint.

  6. Der Ausgangspunkt bildet die Verortung des subjektiven Wissens im ‘Gehirn’ [NN], das wiederum zu einem ‘Körper’ [BD] gehört.

  7. Ein Körper stellt sich dar als ein hochkomplexes Gebilde aus einer Vielzahl von Organen oder organähnlichen Strukturen, die miteinander in vielfältigen Austauschbeziehungen (’Kommunikation’) stehen und wo jedes Organ spezifische Funktionen erfüllt, deren Zusammenwirken eine ‘Gesamtleistung’ [f_bd] des Input-Output-Systems Körpers ergibt. Jedes Organ besteht aus einer Vielzahl von ‘Zellen’ [CL], die nach bestimmten Zeitintervallen ‘absterben’ und ‘erneuert’ werden.

  8. Zellen, Organe und Körper entstehen nicht aus dem ‘Nichts’ sondern beruhen auf ‘biologischen Bauplänen’ (kodiert in speziellen ‘Molekülen’) [GEN], die Informationen vorgeben, auf welche Weise Wachstumsprozesse (auch ‘Ontogenese’ genannt) organisiert werden sollen, deren Ergebnis dann einzelne Zellen, Zellverbände, Organe und ganze Körper sind (auch ‘Phänotyp’ genannt). Diese Wachstumsprozesse sind ’sensibel’ für Umgebungsbedingungen (man kann dies auch ‘interaktiv’ nennen). Insofern sind sie nicht vollständig ‘deterministisch’. Das ‘Ergebnis’ eines solchen Wachstumsprozesses kann bei gleicher Ausgangsinformation anders aussehen. Dazu gehört auch, dass die biologischen Baupläne selbst verändert werden können, sodass sich die Mitglieder einer Population [POP] im Laufe der Zeit schrittweise verändern können (man spricht hier auch von ‘Phylogenese’).

  9. Nimmt man diese Hinweise auf Strukturen und deren ‘Schichtungen’ auf, dann kann man u.a. zu dem Bild kommen, was ich zuvor schon mal unter dem Titel ‘Emergenz des Geistes?’ beschrieben hatte. In dem damaligen Beitrag hatte ich speziell abgehoben auf mögliche funktionale Unterschiede der beobachtbaren Komplexitätsbildung.

  10. In der aktuellen Reflexion liegt das Augenmerk mehr auf dem Faktum der Komplexitätsebene allgemein. So spannen z.B. die Menge der bekannten ‘Atome’ [ATOM] einen bestimmten Möglichkeitsraum für theoretisch denkbare ‘Kombinationen von Atomen’ [MOL] auf. Die tatsächlich feststellbaren Moleküle [MOL’] bilden gegenüber MOL nur eine Teilmenge MOL’ MOL. Die Zusammenführung einzelner Atome {a_1, a_2, …, a_n} ATOM zu einem Atomverband in Form eines Moleküls [m in MOL’] führt zu einem Zustand, in dem das einzelne Atom a_i mit seinen individuellen Eigenschaften nicht mehr erkennbar ist; die neue größere Einheit, das Molekül zeigt neue Eigenschaften, die dem ganzen Gebilde Molekül m_j zukommen, also {a_1, a_2, …, a_n} m_i (mit {a_1, a_2, …, a_n} als ‘Bestandteilen’ des Moleküls m_i).

  11. Wie wir heute wissen, ist aber auch schon das Atom eine Größe, die in sich weiter zerlegt werden kann in ‘atomare Bestandteile’ (’Quanten’, ‘Teilchen’, ‘Partikel’, …[QUANT]), denen individuelle Eigenschaften zugeordnet werden können, die auf der ‘Ebene’ des Atoms verschwinden, also auch hier wenn {q_1, q_2, …, q_n} QUANT und {q_1, q_2, …, q_n} die Bestandteile eines Atoms a_i sind, dann gilt {q_1, q_2, …, q_n} a_i.

  12. Wie weit sich unterhalb der Quanten weitere Komplexitätsebenen befinden, ist momentan unklar. Sicher ist nur, dass alle diese unterscheidbaren Komplexitätsebenen im Bereich ‘materieller’ Strukturen aufgrund von Einsteins Formel E=mc^2 letztlich ein Pendant haben als reine ‘Energie’. Letztlich handelt es sich also bei all diesen Unterschieden um ‘Zustandsformen’ von ‘Energie’.

  13. Entsprechend kann man die Komplexitätsbetrachtungen ausgehend von den Atomen über Moleküle, Molekülverbände, Zellen usw. immer weiter ausdehnen.

  14. Generell haben wir eine ‘Grundmenge’ [M], die minimale Eigenschaften [PROP] besitzt, die in einer gegebenen Umgebung [ENV] dazu führen können, dass sich eine Teilmenge [M’] von M mit {m_1, m_2, …, m_n} M’ zu einer neuen Einheit p={q_1, q_2, …, q_n} mit p M’ bildet (hier wird oft die Bezeichnung ‘Emergenz’ benutzt). Angenommen, die Anzahl der Menge M beträgt 3 Elemente |M|=3, dann könnte man daraus im einfachen Fall die Kombinationen {(1,2), (1,3), (2,3), (1,2,3)} bilden, wenn keine Doubletten zulässig wären. Mit Doubletten könnte man unendliche viele Kombinationen bilden {(1,1), (1,1,1), (1,1,….,1), (1,2), (1,1,2), (1,1,2,2,…),…}. Wie wir von empirischen Molekülen wissen, sind Doubletten sehr wohl erlaubt. Nennen wir M* die Menge aller Kombinationen aus M’ (einschließlich von beliebigen Doubletten), dann wird rein mathematisch die Menge der möglichen Kombinationen M* gegenüber der Grundmenge M’ vergrößert, wenngleich die Grundmenge M’ als ‘endlich’ angenommen werden muss und von daher die Menge M* eine ‘innere Begrenzung’ erfährt (Falls M’={1,2}, dann könnte ich zwar M* theoretisch beliebig groß denken {(1,1), (1,1,1…), (1,2), (1,2,2), …}, doch ‘real’ hätte ich nur M*={(1,2)}. Von daher sollte man vielleicht immer M*(M’) schreiben, um die Erinnerung an diese implizite Beschränkung wach zu halten.

  15. Ein anderer Aspekt ist der Übergang [emer] von einer ‘niedrigerem’ Komplexitätsniveau CL_i-1 zu einem höheren Komplexitätsniveau CL_i, also emer: CL_i-1 —> CL_i. In den meisten Fällen sind die genauen ‘Gesetze’, nach denen solch ein Übergang stattfindet, zu Beginn nicht bekannt. In diesem Fall kann man aber einfach ‘zählen’ und nach ‘Wahrscheinlichkeiten’ Ausschau halten. Allerdings gibt es zwischen einer ‘reinen’ Wahrscheinlich (absolute Gleichverteilung) und einer ‘100%-Regel’ (Immer dann wenn_X_dann geschieht_Y_) ein Kontinuum von Wahrscheinlichkeiten (’Wahrscheinlichkeitsverteilungen’ bzw. unterschiedlich ‘festen’ Regeln, in denen man Z%-Regeln benutzt mit 0 < Z < 100 (bekannt sind z.B. sogenannte ‘Fuzzy-Regeln’).

  16. Im Falle des Verhaltens von biologischen Systemen, insbesondere von Menschen, wissen wir, dass das System ‘endogene Pläne’ entwickeln kann, wie es sich verhalten soll/ will. Betrachtet man allerdings ‘große Zahlen’ solcher biologischer Systeme, dann fällt auf, dass diese sich entlang bestimmter Wahrscheinlichkeitsverteilungen trotzdem einheitlich verhalten. Im Falle von Sterbensraten [DEATH] einer Population mag man dies dadurch zu erklären suchen, dass das Sterben weitgehend durch die allgemeinen biologischen Parameter des Körpers abhängig ist und der persönliche ‘Wille’ wenig Einfluß nimmt. Doch gibt es offensichtlich Umgebungsparameter [P_env_i], die Einfluss nehmen können (Klima, giftige Stoffe, Krankheitserreger,…) oder indirekt vermittelt über das individuelle ‘Verhalten’ [SR_i], das das Sterben ‘begünstigt’ oder ‘verzögert’. Im Falle von Geburtenraten [BIRTH] kann man weitere Faktoren identifizieren, die die Geburtenraten zwischen verschiedenen Ländern deutlich differieren lässt, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen sozialen Gruppen, usw. obgleich die Entscheidung für Geburten mehr als beim Sterben individuell vermittelt ist. Bei allem Verhalten kann man mehr oder weniger starke Einflüsse von Umgebungsparametern messen. Dies zeigt, dass die individuelle ‘Selbstbestimmung’ des Verhaltens nicht unabhängig ist von Umgebungsparametern, die dazu führen, dass das tatsächliche Verhalten Millionen von Individuen sehr starke ‘Ähnlichkeiten’ aufweist. Es sind diese ‘gleichförmigen Wechselwirkungen’ die die Ausbildung von ‘Verteilungsmustern’ ermöglichen. Die immer wieder anzutreffenden Stilisierungen von Wahrscheinlichkeitsverteilungen zu quasi ‘ontologischen Größen’ erscheint vor diesem Hintergrund eher irreführend und verführt dazu, die Forschung dort einzustellen, wo sie eigentlich beginnen sollte.

  17. Wie schon die einfachen Beispiele zu Beginn gezeigt haben, eröffnet die nächst höhere Komplexitätstufe zunächst einmal den Möglichkeitsraum dramatisch, und zwar mit qualitativ neuen Zuständen. Betrachtet man diese ‘Komplexitätsschichtungen’ nicht nur ‘eindimensional’ (also z.B. in eine Richtung… CL_i-1, CL_i, CL_i+1 …) sondern ‘multidimensional’ (d.h. eine Komplexitätsstufe CL_i kann eine Vielzahl von Elementen umfassen, die eine Komplexitätstufe j<i repräsentieren, und diese können wechselseitig interagieren (’kommunizieren’)), dann führt dies zu einer ‘Verdichtung’ von Komplexität, die immer schwerer zu beschreiben ist. Eine einzige biologische Zelle funktioniert nach so einem multidimensionalen Komplexitätsmuster. Einzelne Organe können mehrere Milliarden solcher multidimensionaler Einheiten umfassen. Jeder Körper hat viele solcher Organe die miteinander wechselwirken. Die Koordinierung aller dieser Elemente zu einer prägnanten Gesamtleistung übersteigt unsere Vorstellungskraft bei weitem. Dennoch funktioniert dies in jeder Sekunde in jedem Körper Billionenfach, ohne dass das ‘Bewusstsein’ eines biologischen Systems dies ‘mitbekommt’.

  18. Was haben all diese Komplexitätstufen mit ‘Erkenntnis’ zu tun? Nimmt man unser bewusstes Erleben mit den damit verknüpften ‘Erkenntnissen’ zum Ausgangspunkt und erklärt diese Form von Erkenntnis zur ‘Norm’ für das, was Erkenntnis ist, dann haben all diese Komplexitätsstufen zunächst nichts mit Erkenntnis zu tun. Allerdings ist es dieses unser ’subjektives’ ‘phänomenologisches’ ‘Denken’, das all die erwähnten ‘Komplexitäten’ im Denken ’sichtbar’ macht. Ob es noch andere Formen von Komplexität gibt, das wissen wir nicht, da wir nicht wissen, welche Form von Erkenntnis unsere subjektive Erkenntnisform von vornherein ‘ausblendet’ bzw. aufgrund ihrer Beschaffenheit in keiner Weise ‘erkennt’. Dies klingt paradox, aber in der Tat hat unser subjektives Denken die Eigenschaft, dass es durch Verbindung mit einem Körper einen indirekt vermittelten Bezug zur ‘Körperwelt jenseits des Bewusstseins’ herstellen kann, der so ist, dass wir die ‘Innewohnung’ unseres subjektiven Erkennens in einem bestimmten Körper mit dem Organ ‘Gehirn’ als Arbeitshypothese formulieren können. Darauf aufbauend können wir mit diesem Körper, seinem Gehirn und den möglichen ‘Umwelten’ dann gezielt Experimente durchführen, um Aufklärung darüber zu bekommen, was denn so ein Gehirn im Körper und damit korrelierend eine bestimmte Subjektivität überhaupt erkennen kann. Auf diese Weise konnten wir eine Menge über Erkenntnisgrenzen lernen, die rein aufgrund der direkten subjektiven Erkenntnis nicht zugänglich sind.

  19. Diese neuen Erkenntnisse aufgrund der Kooperation von Biologie, Psychologie, Physiologie, Gehirnwissenschaft sowie Philosophie legen nahe, dass wir das subjektive Phänomen der Erkenntnis nicht isoliert betrachten, sondern als ein Phänomen innerhalb einer multidimensionalen Komplexitätskugel, in der die Komplexitätsstrukturen, die zeitlich vor einem bewussten Erkennen vorhanden waren, letztlich die ‘Voraussetzungen’ für das Phänomen des subjektiven Erkennens bilden.

  20. Gilt im bekannten Universum generell, dass sich die Systeme gegenseitig beeinflussen können, so kommt bei den biologischen Systemen mit ‘Bewusstsein’ eine qualitativ neue Komponente hinzu: diese Systeme können sich aktiv ein ‘Bild’ (’Modell’) ihrer Umgebung, von sich selbst sowie von der stattfindenden ‘Dynamik’ machen und sie können zusätzlich ihr Verhalten mit Hilfe des konstruierten Bildes ’steuern’. In dem Masse, wie die so konstruierten Bilder (’Erkenntnisse’, ‘Theorien’,…) die tatsächlichen Eigenschaften der umgebenden Welt ‘treffen’ und die biologischen Systeme ‘technologische Wege’ finden, die ‘herrschenden Gesetze’ hinreichend zu ‘kontrollieren’, in dem Masse können sie im Prinzip nach und nach das gesamte Universum (mit all seinen ungeheuren Energien) unter eine weitreichende Kontrolle bringen.

  21. Das einzig wirkliche Problem für dieses Unterfangen liegt in der unglaublichen Komplexität des vorfindlichen Universums auf der einen Seite und den extrem beschränkten geistigen Fähigkeiten des einzelnen Gehirns. Das Zusammenwirken vieler Gehirne ist absolut notwendig, sehr wahrscheinlich ergänzt um leistungsfähige künstliche Strukturen sowie evtl. ergänzt um gezielte genetische Weiterentwicklungen. Das Problem wird kodiert durch das Wort ‘gezielt’: Hier wird ein Wissen vorausgesetzt das wir so eindeutig noch nicht haben Es besteht ferner der Eindruck, dass die bisherige Forschung und Forschungsförderung diese zentralen Bereiche weltweit kum fördert. Es fehlt an brauchbaren Konzepten.

Eine Übersicht über alle bisherigen Beiträge findet sich hier

CARTESIANISCHE MEDITATIONEN III, Teil 5

ÄNDERUNGEN: Letzte Änderungen Di, 20.Dez.2011, vor 10:15h

(73) Während der Diskurs von CM3 darauf hinaus zu laufen scheint, den Geltungsbereich des transzendentalen ego eher zu ‘beschränken’, erweckt der Schlußteil von CM2 eher den Eindruck, die Geltung des transzendentalen ego durch Aufspüren von transzendental relevanten Strukturen in Form von Typen, von objektunabhängigen Strukturen zu ‘erweitern’.

(74) Zu dieser Hypothese passt die Feststellung Husserls, dass der eigentliche Inhalt der Phänomenologie ein ‘ungeheures eingeborenes Apriori’ sei, das auf ‘Wesenstypen’ beruht (vgl. CM2,S28,Z5ff). Diese transzendentalen, das ego prägenden, Strukturen nennt er zuvor schon mehrfach  ‘egologische Strukturen’ (vgl. CM2,S27,Z34). Interessant ist in diesem Kontext auch seine Unterscheidung  zwischen passiver und aktiver Genese. (vgl. CM2,S30)  Denn hier erkennt er implizit an, dass es Erscheinungen gibt, an denen das ego nicht aktiv beteiligt zu sein scheint, wie es das Phänomen  des ‘Verharrens von Überzeugungen anzeigt. Nach unserer Interpretation ist dieses ‘Verharren’ eine Form des ‘Erinnerns auf Basis des erinnerungsfähigen Unbewusstseins, das dem Zugriff des ego entzogen ist. Das ego kann ‘zuschauen’. Husserl will es offensichtlich dem ‘ego’ zuschlagen.
(75) Ergänzend zur passiven Genesis identifiziert Husserl eine ‘höherstufige Genesis’, durch die mittels  ‘Ich-Akte Geltungsgebilde erwachsen und in eins damit das zentrale Ich spezifische Ich-Eigenheiten … annimmt’.  (vgl. CM2, S.29, Z23-27) Diese Formulierung erweckt den Eindruck, als ob das Ich ‘aktiv’ sein kann und mittels konkreter ‘Akte’ (man assoziiert unfreiwillig den  Körper (=Ich), der mittels der Körperglieder Handlungen (=Akte) vornimmt) den Strom der Ereignisse verändert. Hier stellen sich viele Fragen. Eine betrifft den Begriff des ‘Ich’, andere die Vorstellungen der ‘Ich-Aktionen’.
(76) Bislang wurde unterschieden zwischen dem transzendentalen ego als dem transzendentalen Ich und dem ego als konkreter Monade, dem personalen Ich. Diese Aufspaltung resultierte bei Husserl aus der Einbeziehung der allgemeinen Typen mit ihren veränderlichen Objektvielfalten in die ‘Sphäre’ des transzendentalen ego. Wie zuvor reflektiert, sollte man all jene Momente, die zu ihrem Sein die Erinnerung und über die Erinnerung das Unbewusste einbeziehen, aus der ‘Leistung’ der transzendentalen Synthese ausklammern, da diese dem transzendentalen ego ‘vorgegeben’ sind, ohne dass es darauf wirklich Einfluss nehmen kann. Da sich in diesem Anteil des Bewusstseins auch viele Formen (Typen, Wesen) zeigen (die meisten, alle?) finden, kann man die Frage stellen, wie denn diese sich zum transzendentalen ego verhalten. Wie oben schon ausgeführt, sind diese Phänomene so grundverschieden vom transzendentalen ego, dass es aus Sicht dieser Kommentierung keinen Sinn macht, sie dem transzendentalen ego in irgend einer Weise zuzurechnen. Dass all diese konkreten (und allgemeinen) Phänomene mit dem transzendentalen ego ‘korrelieren’ erscheint nicht als hinreichender Grund, sie ‘in eins’ zu setzen. Die Einführung des Terminus ‘Ich’ sowohl für das transzendentale ego wie für die Gesamtheit der Erscheinungen innerhalb der transzendentalen Synthese ist vor diesem Hintergrund verständlich’, aber sachlich möglicherweise irreführend. Wie oben schon ausgeführt wird das ‘psychologische Ich’ zwar meistens über die konkreten Phänomene in der Einheit der Synthese eingeführt, quasi als ‘Klammer’ für all dieses, aber dieser ‘Sammelbegriff’ ‘personales Ich’ ist in diesem Kontext nur ein ‘Mengenbegriff’ für eine Vielzahl von unterschiedlichen Phänomenen, die durch diese Etikettierung nicht wirklich erklärt werden; eher wird damit ein tiefer gehendes Verständnis des tatsächlichen Geschehens verhindert. Eine Formulierung wie ‘Erst durch die Philosophie der Genesis wird das ego als unendlicher Zusammenhang von synthetisch zusammengehörigen Leistungen verständlich, und zwar von konstitutiven…’ (CM2, S29, Z28-31) legt diese Sicht einer ‘Klammer’ weiter nahe.

(77) Durch die Etikettierung von transzendentalem ego und konkreter Monade jeweils als Ich (transzendental und personal) wird aber nicht nur die wesenhafte Unterschiedlichkeit verdeckt, sondern mit der Annahme einer ‘aktiven Genesis’ wird der Eindruck erweckt, als ob dieses ‘Ich’ sowohl passiv hinnehmen als auch aktiv  handeln kann. Während das transzendentale ego selbst primär als die Struktur des Wissens um das intentionale Wissen (= Selbstbewusstsein, Selbstreflexion)  erscheint, innerhalb dessen all das ‘vorkommt’, was vorkommt, so ist der Bereich möglicher Aktivitäten beschränkt auf den Strom der Ereignisse, die sich als veränderliche Vielfalt ‘zeigen’. Diese hat mit dem transzendentalen ego als der allgemeinen Struktur des überhaupt Vorkommens nichts zu tun. Diese veränderliche Vielfalt ereignet sich unter Voraussetzung dieser allgemeinen Struktur ‘innerhalb’ dieser. In diesem Kontext den Begriff einer ‘Aktion’ zu definieren induziert Fragen.  Zunächst ist in keiner Weise klar, was man sich überhaupt unter einer Aktion des transzendentalen ego vorstellen kann. Die einzigen Anhaltspunkte für mögliche Aktionen sind die aufscheinenden ‘Veränderungen’. Die Definition einer transzendentalen Aktion müsste also bei den Veränderungen ansetzen, etwa in dem Sinne, dass man diese Veränderungen auffasst als die ‘Wirkungen’ der postulierten transzendentalen Aktionen. Beobachtbare Veränderungen sind das ‘Auftreten’ von etwas und das ‘Verschwinden’. Auftreten und Verschwinden können nur ‘konkrete Phänomene’. Anlässlich von konkreten Phänomenen, die auftreten und verschwinden werden zugleich ‘implizite’ (emergente?) Eigenschaften sichtbar, die ‘allgemeine Eigenschaften’ betreffen, die über das Konkrete hinausgehen. Da das Auftreten und Verschwinden von konkreten Phänomenen per definitionem nicht dem transzendentalen ego zugerechnet werden können (für das transzendentale ego werden diese einfach ‘passiv’ sichtbar), bleiben nur die allgemeineren Eigenschaften (Typen,…), die anlässlich der konkreten Eigenschaften aufscheinen. Bleibt also die Frage, ob diese allgemeineren Eigenschaften als ‘Wirkung’ von einer ‘verborgenen Aktion’ aufgefasst werden können, deren ‘Verursacher’ das transzendentale ego ist.

(78) Hält man an dem Verständnis fest, dass das ‘transzendentale ego’ jene Struktur ist, die sich zeigt, wenn das Bewusstsein sich ’seiner selbst’ durch die Reflexion ‘bewusst’ wird, dann ist das transzendentale ego eine Struktur von ‘Bezogenheit’ von etwas sich Ereignendem als etwas Gewusstem (Etwas als Intendiertem). Diese Struktur von Bezogenheit, dieses Vorkommen als ‘gewusstes Vorkommen’ ist selbst kein Objekt, es ist eine ‘Beziehung’, die allerdings ‘qua gewusste Beziehung’ das darin Vorkommende x in C als ‘Gegenstand’ hat, der ‘benannt’ werden könnte. Wenn nun diese ‘bewussten Objekte’ in der Beziehung eine Doppelnatur von Konkretheit und Allgemeinheit zeigen und man sich fragt, ob das aufscheinende Allgemeine eine ‘Wirkung dieser transzendentalen Struktur’ sein könnte, und zwar immer wieder und –entsprechend den verschiedenen Typen von Allgemeinheit– unterschiedlich, dann kann man diese Frage streng genommen nur aus dem Vorkommen selbst heraus nicht beantworten. Für das transzendentale ego ‘ereignet’ sich auch die Allgemeinheit. Die formale Klammer des transzendentalen ego bietet keinerlei ‘Anknüpfungspunkte’ für irgendwelche ‘Motive’, ‘Interessen’ oder was auch immer, was zu einer ‘Aktion’ im Sinne eines irgendwie gearteten ‘gerichteten Veränderns’ Anlass bieten könnte. Das transzendentale ego als solches ist wirklich ‘leer’, wie Husserl es an verschiedenen Stellen selbst formuliert hat. Nur scheint er sich damit nicht zufrieden geben wollen. In dieser Kommentierung wird keinerlei Anknüpfungspunkt dafür gesehen, dass das Auftreten und Verschwinden von allgemeinen Eigenschaften anlässlich des Auftretens und Verschwindens von Konkretem vom transzendentalem ego verursacht sein sollte. Das transzendentale ego wird hier gesehen als die formale Klammer aller Ereignisse als ‘Gewusste’.

(79) Halten wir also fest: während die Reflexion von CM3 dahin tendiert, die Struktur des transzendentalen ego von der Vielfalt der Erscheinungen ‘innerhalb’ der transzendentalen Einheit zu ‘trennen’,  so scheint Husserl dahin zu tendieren, die Vielfalt –zumindest in ihren typischen Strukturen– als eine Leistung dieses transzendentalen ego zu interpretieren. So auch in der Formulierung: ‘Vollziehen wir radikale Selbstbesinnung… jeder für sich auf sein absolutes ego, so sind all das Bildungen der frei-tätigen Ich-Aktivität, eingeordnet in die Stufen der egologischen Konstitutionen [:=  der allgemeine Typen, Formen in den Erscheinungen]…’. (vgl. CM2, S.30,Z14-19). In dieser seiner Interpretation ‘gewinnt’ Husserl die ‘logische’ Möglichkeit, die vielfältigen Beziehungsgeflechte, die im Strom der Ereignisse entstehen, zu großen (wie großen?) Teilen als ‘eigene Sinnesschöpfungen’ zu interpretieren (vgl. CM2,S29,Z36), um damit –indirekt– den Geltungsanspruch einer transzendentalen Analyse zu erweitern. Wohlgemerkt als ‘logischer Schluss’ aus diesen seinen speziellen ‘Annahmen’ aufgrund seiner Weise der Analyse.

(80) Da das, ‘Was’ in einer Analyse erkannt wird  weitgehend davon abhängt, ‘Wie’ man analysiert, sollte man sich bei diesen zunehmenden Divergenzen in der Beurteilung nochmals fragen, was denn diese ‘phänomenologische Sicht’ ist.
(81) Husserl begann seine Kritik an Descartes mit der Einführung der phänomenologischen Reduktion (Epoché). Wie sich im  weiteren Verlaufe zeigte, wurde dieser Aspekt dann erweitert um die generelle intentionale Struktur des Erkennens, durch die Einbeziehung des transzendentalen ego als allgemeinster Klammer allen Erkennens.’Alles, was für mich ist, ist es dank meinem erkennendem Bewusstsein… es ist für mich nur als intentionale Gegenständlichkeit meiner cogitationes…. Wir brauchen dazu keine phänomenologische Reduktion..’. (vgl. CM2,S.31,Z4-15) Und ‘Alles, was für den Menschen, alles, was für mich ist und gilt, tut das im eigenen Bewusstseinsleben, das in allem Bewußt-haben einer Welt und in allem wissenschaftlichen Leisten bei sich selbst verbleibt. Alle Scheidungen … verlaufen in meiner Bewusstseinsspäre selbst…’. (vgl. CM2, S31,Z15-21) Diese Formulierungen sind teilweise ‘Metaformulierungen’ über das reflektierende ego, deren Berechtigungen und Eigenheiten nicht eigentlich von Husserl begründet wurden. Sie zeigen aber rein faktisch, dass das ‘Wissen um sich selbst’ eine Reflexionsform ist, die in sich selbst keinen Fixpunkt trägt; alles, was gedacht wird, kann ‘als Gedachtes’ (cogitatum) wiederum ‘weiter reflektiert’ werden, solange, bis keine Unterscheidungen mehr greifbar werden. D.h. Das ‘Denken als Denken’ ist jener Beziehungsraum, der für das Denken selbst ein ‘Apriori’ ist, ‘in dem’ es sich ‘vorfindet’ als Denken (als transzendentales ego). Der Terminus ‘Menschen’, den Husserl benutzt, ist letztlich kein ‘einfaches Gegebenes’, sondern ein ‘Konstrukt’ innerhalb des Denkens, das im Prozess des Scheidens und Zusammenfügens jedwede Gegebenheit kombinieren kann. Sofern das Denken in der Konkretheit der Gegebenheiten und deren wahrnehmbaren ‘Veränderungen’ ’sich zeigt’, ’sichtbar’ wird –wie Teilchen in einer Nebelkammer (wobei hier das Denken der Nebel wäre)–, kann es implizit ‘Formen’ erkennen lassen (Typen…), die der Art des Denkens zueigen sind. Man ist geneigt, diese aufscheinenden ‘Formen’ ebenfalls der Art des Apriori zuzurechnen, zu dem das Denken selbst gehört; ein Apriori des für das Denken Vorfindlichen. Die aufscheinenden Veränderungen betreffen die Konkretheiten anlässlich des ‘umgebenden Allgemeinen’. Diese sind dem Denken nicht weniger apriori gegeben wie die Typen oder das Denken selbst, dennoch sind sie ‘anders’. Wie anders?
(82) Hier kann eine Frage weiter helfen, die Husserl sich selbst stellt, die Frage nach der Objektivität. ‘Dass ich in meinem Bewusstseinsbereich … zu Gewissheiten, ja zu zwingenden Evidenzen komme, das ist verständlich [nicht notwendigerweise!]. Aber wie kann dieses ganz in der Immanenz des Bewusstseinslebens verlaufende Spiel objektive Bedeutung gewinnen?’ (vgl. CM2,S.31, Z31-36)
(83) Wieder ein Bündel von Annahmen. Zentral ist  die Formulierung ‘objektive Bedeutung’. Der Terminus ‘Bedeutung’ ist im Normalfall gebunden an den Kontext von ‘Sprache’, an die Unterscheidung von ‘Ausdrucksmittel’ (Sprachlaute, Gesten, Schriftzeichen,….), und dem ‘Anderen’, das kraft einer ‘gewussten Beziehung’ zwischen Ausdrucksmittel und dem gewussten Anderen dann der Status einer ‘Bedeutung’ im Kontext des gewählten Ausdrucksmittels zukommt. Husserl hat sich bislang nicht zu diesen Begriffen bzw. nicht zur Thematik sprachlicher Bedeutung überhaupt geäußert. Ohne diese Vorklärung spricht er jetzt sogar von einer speziell qualifizierten Bedeutung, nämlich von einer ‘objektiven’ –wohl im vermuteten Gegensatz zu einer ’subjektiven’– Bedeutung.  Was aber soll dies sein, das ‘Objektive’? Bislang hat er sich ausschließlich in der Innensicht des Bewusstseins bewegt.  Der Begriff des ‘Objektiven’ wurde nicht motiviert (genau so wenig wie vorher der Begriff der/des ‘Menschen’). Wenn nach seinen eigenen Aussagen alles ‘im’ Bewusstsein ist, wie kann denn überhaupt etwas nicht subjektiv sein, d.h. nicht im Bewusstsein, sondern ‘außerhalb’ des Bewusstseins? Oder was meint er mit ‘objektiv’?
(84) An dieser Stelle ist die Frage nach dem ‘Objektiven’ außerhalb des Bewusstseins nur eine rhetorische Frage von Husserl, um Gelegenheit zu geben, um nochmals umfassender und radikaler  zu sagen, dass jedwede Form von ‘Transzendenz’ ein ‘immanenter, sich innerhalb des ego konstituierender Seinscharakter ist’. (vgl. CM2,S32,Z31-33) Verstärkend ‘…ein Außerhalb… ist Unsinn….jeder Unsinn ist ein Modus des Sinnes und hat seine Unsinnigkeit in der Einsehbarkeit’. (vgl. CM2,S33,Z6f) Oder ‘…damit … wird jede Art Seiendes, reales und ideales, verständlich als eben in dieser Leistung konstituierendes Gebilde der transzendentalen Subjektivität. Diese Art … ist die höchste erdenkliche Form der Rationalität…. ein Idealismus, der nichts weiter ist als in Form systematischer egologischer Wissenschaft konsequent durchgeführte Selbstauslegung.’ (vgl. CM2, S33, Z19-23, 33-36).

(85) Mit diesen gewaltigen Formulierungen scheint die Frage nach der ‘Objektivität’ als etwas ‘da draußen’ vom Tisch zu sein. Doch ist dies nur eine vordergründige Lösung. Die Begriffe ‘objektiv’, ‘Welt’, ‘Anderer’, ‘Mensch’ usw. gibt es ja. Und dass wir diese Begriffe mit einer Bedeutung von ‘außen’ verknüpfen ist auch allenthalben feststellbar. Allerdings, mit der Einsicht Husserls, dass letztlich alle Bestimmungen innerhalb des Bewusstseins stattfinden, bedeutet dies, man muss innerhalb (!) des Bewusstsein die Unterscheidung von ‘innen’ und ‘außen’ erklären,  als ein ‘Innen’ und ‘Außen’ innerhalb des Bewusstseins. Husserl selbst benutzt ja auch den Terminus ‘Transzendenz’ um damit auf Eigenschaften hinzuweisen, die ‘im’ Bewusstsein auf ein ‘außerhalb’ hindeuten.

Zur Fortsetzung siehe HIER

HINWEIS: Eine Übersicht über den ganzen Blog nach Titeln findet sich HIER

GEN — MEM — SEM

(1) Bei der Betrachtung der Entwicklung des (biologischen) Lebens auf der Erde tritt als markantes Ereignis (vor ca. 3.5 Mrd Jahren) die Verfügbarkeit von selbstreproduktiven Einheiten hervor: DNA-Moleküle werden dazu benutzt um unter Zuhilfenahme anderer Moleküle Proteinstrukturen in einer geordneten Weise so zu organisieren, dass daraus wieder Zellen, multizelluläre Organismen entstehen.

 

(2) In einem Abstraktionsprozeß wurden mathematische Modelle entwickelt, die die Struktur eines DNA.-Moleküls in solch einem selbstreproduktiven Kontext als ‘Informationseinheiten‘ identifizierten, die auch als ‘Gene‘ bezeichnet wurden. Der gesamte Informationsprozess wurde als ‘Genetischer Algorithmus (GA)‘ rekonstruiert. Gegenüber dem biochemischen Modell enthält er Vereinfachungen, zugleich bilden diese aber auch eine ‘Generalisierung‘, die eine mathematische Behandlung zulassen. Dadurch konnten sehr weitreichende Untersuchungen angestellt werden.

 

(3) Die Uminterpretation von genetischen Algorithmen als Classifier Systeme betrachtet die genetische Informationen als Wenn-Dann-Regeln (auch mehrere hintereinander). Je nachdem, welche Bedingungen vorliegen, werden nur bestimmte ‘Wenns’ ‘erfüllt’ und nur diese ‘Danns’ werden aktiviert. Eine ‘Wenn-Dann-Regel’ bildet einen ‘Classifier‘. Während genetische Informationen als solche eigentlich nur einmal im Leben eines (biologischen) Systems verändert werden (in der Realität natürlich auch durch Fremdeinwirkungen öfters), nämlich bei der Weitergabe der Informationen nach bestimmten Mustern/ Regeln geändert werden können (letztlich gibt es nur zwei Fälle (i) Rekombination nach einer festen Regel oder (ii) Zufällige Veränderung), können die Informationen, die als eine Menge von Classifiern kodiert sind, durch jedes einzelne Verhalten eines Systems geändert werden. Dies entspricht eher dem Organisationsniveau des Nervensystems bzw. dem des Gehirns in einem biologischen System.

 

(4) Betrachtet man Classifier Systeme auf der Organisationsebene des Gehirns, dann liegt auf der Hand, sie primär als Modell eines einfachen Gedächtnisses (Memory) zu sehen. Die ‘Wenns’ (Engl. if) repräsentieren dann wichtige ‘Wahrnehmungszustände’ des Systems (sensorische wie propriozeptive oder mehr), die ‘Danns’ (Engl. ‘then’) repräsentieren jene Aktionen des Systems, die aufgrund solcher Wahrnehmungen ausgeführt wurden und damit potentiell über die Veränderung einer (unterstellten) Situation zu einer Veränderung dieser Situation geführt haben, die wiederum die Wahrnehmung ändern kann. Da man mathematisch Wenn-Dann-Regeln (also Classifier) als Graphen interpretieren kann mit den ‘Wenns’ als Knoten und den ‘Danns’ als Übergänge zwischen den Knoten, sprich Kanten, bilden die Classifier als Graph den Ausgangspunkt für ein mögliches Gedächtnis.

 

(5) Nennen wir den ersten Graphen, den wir mittels Classifiern bilden können, Stufe 0 (Level 0), dann kann ein Gedächtnis mit Stufe 0 Wahrnehmungssituationen speichern, darauf basierende Handlungen, sowie Feedback-Werte. Feedbackwerte sind ‘Rückmeldungen der Umgebung (Engl. environment). Biologische Systeme verfügen im Laufe der 3.5 Miliarden dauernden Evolution mittlerweile über ein ganzes Arsenal von eingebauten (angeborenen, genetisch fixierten) Reaktionsweisen, die das System zur Orientierung benutzen kann: Hungergefühle, Durstgefühle, Müdigkeit, diverse Schutzreflexe, sexuelle Erregung usw. Im Englischen spricht man hier auch von drives bzw. verallgemeinernd von speziellen emotions (Emotionen). In diesem erweiterten Sinn kann man biologische Systeme auf der Organisationseben des Gedächtnisses auch als emotionale Classifier Systeme (emotional classifier systems) bezeichnen. Wenn man diese systemspezifischen Rückmeldungen in die Kodierung der Wenn-Dann-Regeln einbaut — was bei Classifiern der Fall ist –, dann kann ein auf Classifiern basierendes Gedächtnis die Wirkung von wahrgenommenen Situationen in Verbindung mit den eigenen Handlungen gespeichert (store) werden. Darüberhinaus könnte man diese gespeicherten Informationen mit geeigneten Such- und Auswertungsoperationen in zukünftigen Situationen nutzen, in denen man z.B. Hunger hat und man sich fragt, ob und wo und wie man an etwas Essbares kommen könnte.

 

(6) Der Begriff mem wurde in der Literatur schon vielfach und für sehr unterschiedliche Sachverhalte benutzt. In diesem Kontext soll ein mem* einen Knoten samt aller verfügbaren Kanten in einem Classifiersystem bezeichnen, das als Gedächtnis benutzt wird. Meme* sind dann — analog wie Gene — auch Informationseinheiten, allerdings nicht zur Kodierung von Wachstumsprozessen wie bei den Genen, sondern als Basis für Handlungsprozesse. Meme* ermöglichen Handlungen und die durch Handlungen ermöglichten Veränderungen in der unterstellten Umwelt können auf das handelnde System zurückwirken und dadurch die Menge der Meme* verändern.

 

(7) Wie wir heute wissen, haben biologische System — allerdings sehr, sehr spät — auch Zeichensysteme entwickelt, die schließlich als Sprachen zum grundlegenden Kommunikationsmittel des homo sapiens wurden. Kommunikation ermöglicht die Koordinierung unterschiedlicher Gehirne.

 

(8) Die allgemeine Beschreibung von Zeichen ist Gegenstand der Semiotik als Wissenschaft der Zeichen und Zeichenprozesse. Allerdings ist die Semiotik bis heute kaum anerkannt und fristet vielfach nur ein Schattendasein neben anderen Disziplinen. Dafür gibt es dann viele Teildisziplinen wie Phonetik, Linguistik, Sprachwissenschaften, Sprachpsychologie, Neurolinguistik usw. die nur Teilaspekte der menschlichen Zeichen untersuchen, aber es historisch geschafft haben, sich gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen.

 

(9) Eine Schwäche der Semiotik war — und ist es bis heute –, dass sie es nicht geschafft hat, eine einheitliche Theorie der Zeichen zu erarbeiten. Schon alleine die Vielzahl der ‘Gründer’ der Semiotik (wie z.B. Peirce, de Saussure, Morris und viele andere) und deren unterschiedlichen begrifflichen Konzepte macht es schwer bis unmöglich, zu einer einheitlichen Zeichentheorie zu kommen.

 

(10) Ich habe mehrfach versucht, die beiden sehr unterschiedlichen Ansätze von Peirce (bewusstseinsbasiert) und Morris (Verhaltensbasiert) zu formalisieren und zu vereinheitlichen. Es scheint so zu sein, dass man bei Erweiterung des classifier-basierten Mem*-Konzeptes einen formalen Rahmen hat, der es erlaubt, sowohl die bewusstseinsorientierte Sicht von Peirce wie auch zugleich die verhaltensorientierte Sicht von Morris zusammen zu führen, ohne dass man deren Konzepte ‘verunstalten’ müsste. Im Falle von Peirce kann man sein komplexes (und in sich selbst nicht konsistentes) System von Kategorien — so scheint es — drastisch vereinfachen.

 

(11) Stark vereinfachend gesagt kann man den Zeichenbegriff verstehen als eine Beziehung  zwischen einem Zeichenmaterial (das sowohl verhaltensrelevant  wie auch wahrnehmungsrelevant vorliegt) und einem Bedeutungsmaterial (das ebenfalls entweder verhaltensrelevant UND wahrnehmunsrelevant vorliegt oder NUR wahrnehmungsrelevant). Allerdings existiert eine solche Bedeutungsbeziehung nicht als wahrnehmbares Objekt sondern ausschliesslich als gewusste Beziehung im ‘Kopf’ bzw. im ‘Gedächtnis’ des Zeichenbenutzers. In Anlehnung an die griechische Philosophie möchte ich ein Zeichen als sem* bezeichnen. Ein sem* basiert zwar auf potentiell vielen memen*, stellt aber als ausgezeichnete Beziehung zwischen memen* etwas Eigenständiges dar. In diesem Sinne kann — und muss — man sagen, dass seme* eine neue Ebene der Organisation von Informationen eröffnen (was grundsätzlich keine neue Einsicht ist; ich wiederhole dies hier nur, da dies die Voraussetzung für die nächste Organisationsebene von Informationen ist).

 

Fortsetzung folgt.

 

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